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kindheitsdebakel

Freitag, 8. Februar 2008

Mulgatol & Co.

Die vier Säulen, auf denen die Ernährung in meiner Kindheit aufbaute, hießen:

Ravioli aus der Dose (Kohlehydrate)
Mulgatol aus der Tube (Vitamine)
Milchmädchen aus der Tube (Calcium)
Tri-Top Mandarinensirup zum Verdünnen (Flüssigkeit)

Menschen, die wie ich in den frühen 60ern geboren wurden, werden sich an diese Produkte noch erinnern, bzw. eventuell selbst damit groß gezogen worden sein. Dass das nicht besonders wertvoll und gesundheitsfördernd sein kann, ahnte man sicher schon damals, aber zu dieser Zeit herrschte eine gewisse Hörigkeit gegenüber denaturalisierten Lebensmitteln. Kein Wunder: flog man doch bereits Richtung Mond, was die Mitnahme von Kohlköpfen, Kühen und ähnlich sperrigem Ernährungsgut kategorisch ausschloss. Überhaupt wurde alles mobiler. Die Hausfrau löste sich von Heim und Herd, verdiente hinzu und ließ sich dann endlich scheiden. Soll sich der Alte doch selbst die Ravioli heiß machen. Was das betraf, lebte ich als 7-jährige in einem extrem fortschrittlichen Haus. Mir scheint, als sei meine Mutter die erste geschiedene, allein erziehende und berufstätige Frau überhaupt gewesen. Zumindest war ich lange Zeit das einzige Scheidungskind in meiner Klasse. Der damalige soziale Stellenwert eines Scheidungskindes, was zudem als Einzelkind aufwuchs und dessen Mutter darüber hinaus noch berufstätig war, lässt sich auf ein Wort reduzieren: bemitleidenswert! Dass meine Mutter keiner Religionsgemeinschaft angehörte und in "wilder Ehe" mit einem Mann zusammen lebte, der nicht nur äußerlich von den damaligen gängigen Normen abwich (man stelle sich ihn bitte als den ungepflegten Bruder Ivan Rebroffs vor), waren nur noch weitere Steinchen im Mosaik meines gesellschaftlich vorbestimmten Scheiterns. Aus DEM Kind kann ja nichts werden! Entgegen aller Prognosen wurde ich dann aber weder kriminell noch drogensüchtig.

Was "Die kleine Ohrfeige zwischendurch" betrifft, wird ja retrospektiv immer gern behauptet: "Und? Hat es uns irgendwie geschadet? Nein!" Was das angeht, kann ich nicht mitreden. Ohrfeigen gab es bei uns so selten, wie geregelte Essenszeiten, nämlich gar nicht. Aus damaliger Sicht allerdings unverzeihlich fand ich aber, dass ich, so sehr ich auch bettelte und flehte, weder Pferd bekam noch Pony. Auch weigerte sich meine Mutter beharrlich, mir eines dieser Pressspanjugendzimmer aus dem Quelle Katalog zu kaufen (grün-beige oder orange-beige). Schlimm war auch, dass sie, als ich mit 13 zum ersten Mal meine Tage bekam, zum Monatshygieneartikelkauf aus Faulheit den Tante-Emma-Laden um die Ecke aufsuchte, anstatt einfach in eine andere Stadt zu fahren. Die Nachricht, dass die Kleine von der Lehrerin nun auch "ihre Sache" hat, verbreitete sich in einem derart unerhörten Tempo, dass es die Nachbarin bereits wusste, BEVOR meine Mutter vom Einkauf überhaupt zurück war. Und? Hat es mir irgendwie geschadet? Nein!

Aus heutiger Sicht absolut unverzeihlich war auf jeden Fall der mangelhafte Umgang mit meiner Zahnhygiene. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich meine Mutter auch nur einmal zum Zähneputzen angehalten hat. Wohl hatte ich eine Zahnbürste, weiß aber nicht wozu. Einmal daran gewöhnt (Stichwort Mulgatol und Milchmädchen), aß ich die BLENDI Zahncreme mit dem Himbeeraroma und dem lecker Zucker darin direkt aus der Tube. Zum Zahnarzt ging es erst, wenn es nicht mehr ging. Auf wieviel Stühlen sonntagsdienstleistender und deswegen schlechtgelaunter Zahnärzte ich daher saß, weiß ich nicht mehr. Dass ich überhaupt noch originales Zahnmaterial besitze, grenzt an ein Wunder.

Vielen, die in dieser Zeit groß wurden, erging es ähnlich. Man hatte es einfach nicht so mit der gesundheitlichen Aufklärung. Damals gab es noch "Betthupferl", falls sich jemand erinnert, natürlich nur, wenn man anstandslos ins Bett ging und sich dann nicht mehr blicken ließ. Aber wenn Cassius Clay boxte, durften Kinder unter der Woche auch gern mal etwas länger aufbleiben und vom Eierlikör naschen. Heute undenkbar. Bei der kleinsten Erkältung wurde man mit Penicillinsaft abgefüllt, sodass monatelang alles bakterielle Leben in einem vernichtet war. Danach noch eine Wurmkur. Auf dem CD-Duschmittel prangte stolz der Hinweis "mit Formaldehyd" und keiner wusste so recht, was das überhaupt war. Bestimmt was ganz Besonderes! Als Krönung führe ich noch die Teflonpfanne meiner Mutter an, deren Beschichtung so zerkratzt war, dass von Antihaft eigentlich keine Rede mehr sein konnte. Trotzdem wurde sie lange, vielleicht zu lange, nicht ausgemustert. Und? Hat es uns irgendwie....?
Mal schaun, ob ich alt genug werde, um das heraus zu finden.

Mittwoch, 13. Juni 2007

...

Ich bin in einer komischen Zeit und unter erschwerten Bedingungen groß geworden. Alles bei mir war anders als bei den wenigen Gleichaltrigen, die ich damals kannte, hatte ich doch eine Mutter, die sich, um ihrer eigenen verklemmten Erziehung und vermufften Jugend in den 50ern zu entkommen, früh von meinem Vater trennte (Die Ehe sei heillos zerrüttet hieß es damals), und zum Studieren mit Kind und Hund in die nächst größere Kleinstadt floh. Dort hausten wir nun in zwei kleinen Dachkammern. Ein Waschbecken gab es draußen auf dem "Gang", der nichts anderes war als der eigentliche Dachboden. Abends trafen sich bei uns die Kommilitonen meiner Mutter, um unter Lambruscoeinfluss hitzig über Politik, Gesellschaft, die neue Rolle der Frau im Allgemeinen und über das "erzreaktionäre Geschwärtel" (das waren alle Anderen) im Besonderen zu diskutieren. Meine Bettstatt war nur unzureichend mit einem Vorhang von diesem Geschehen abgetrennt, sodass Worte wie Dialektik, Hegel, Imperialismus, AStA und Patriarchat wurmartige Wortketten bildeten und durch meine Kinderhirnwindungen krochen. Am meisten befremdete mich das Wort "Examen", dachte ich doch, daß das etwas mit dem Samen des Mannes zu tun haben müsse, was ich wiederum nicht in Einklang mit dem Zusammenhang bringen konnte, in dem es erwähnt wurde.

Zur Erholung wurde ich in regelmäßigen Abständen in den Zug gesetzt (es gab es wirklich, dieses Schild um den Hals, auf dem der Name des Kindes und der Zielbahnhof steht) und zu meiner Tante, der 5 Jahre jüngeren Schwester meiner Mutter, nach Frankfurt geschickt, die damals in einem besetzten Haus in der Bockenheimer Landstraße wohnte. Die nahm mich wahlweise mit auf Demos oder steckte mich in Kinderläden, in denen wir auf den Tischen rumhüpften und dafür gelobt wurden, wenn wir Essen und/oder Scheiße an die Wände schmierten. Aus dieser Zeit stammt auch mein nicht unbeträchtliches Repertoire an Arbeiterliedern, die ich bei Demonstrationen, auf den Schultern irgendwelcher bohemiesken Rebellen sitzend, welche die Proletarier, die sich auf ihr Geheiß hin doch bitte vereinigen sollten, gerade mal vom Hörensagen kannten, eifrig mitsang. In solcherlei Umgebung wurde von Religion naturgemäß nur als Mittel zur Unterdrückung und Verdummung der Massen gesprochen und die Existenz Gottes wurde noch nicht einmal geleugnet, was ja, so schlau war man schon, eine Existenz desselben impliziert hätte.

Da ich aber inkonsequenter Weise dennoch getauft war, kam ich mit meiner Einschulung zum ersten Mal in Form von Religionsunterricht in Berührung mit Jesus, dem Sohn Gottes. Der wieder sollte in der Kirche wohnen und man könne ihn dort regelmäßig besuchen, so die Lehrerin, die auch noch Frau Luther hieß. Auch sonst sei er in der Lage, einiges Wunderbare zu wirken. Das interessierte mich dann aber schon und ich begann meine Mutter zu löchern, mit mir in die Kirche zu gehen und den lieben Gott zu besuchen. Ein heilloses Unterfangen, wie man sich vorstellen kann, war doch meine Mutter damals in ihren Ansichten nicht minder dogmatisch wie die von ihr kritisierten und abgelehnten "Schwarzkittel". Immerhin stellte sie es mir frei, an einem Sonntag selbst einen Gottesdienst zu besuchen, alleine. Ich bündelte also all meine Entschlusskraft, nahm meinen ganzen Mut zusammen, und ging los.

Doch es war nicht so einfach. Zwar hatte mir meine Mutter den Weg zur Kirche (in der ich heute bizarrerweise manchmal singe) genau beschrieben, ich kann mich aber daran erinnern, daß ich lange umherirrte, weil der Kirchturm, an dem ich mich orientierte, mal gut sichtbar, dann aber wieder hinter Häuserzeilen verschwunden war, je nachdem in welchem Winkel ich mich gerade zu ihm befand. Nach einigem hin und her stand ich jedoch plötzlich vor dem riesigen Kirchentor, welches zu öffnen kräftemäßig auch heute noch eine kleine Herausforderung für mich darstellt.
Als schmächtiges und immer zu kleines Kind reichte ich damals mit meiner Hand gerade mal zum Türgriff, an den ich mich allerhöchstens hätte hängen können, um ein wenig hin und her zu baumeln. Von innen drang verhaltenes Orgelspiel an mein Ohr und ich konnte Menschen singen hören. Ich wartete und war sehr aufgeregt.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Jemand kam heraus, fing meinen Blick und unter seinem Arm hindurch flitschte ich ins Kircheninnere. Plötzliche Düsternis umfing mich. Ich lief einige Schritte in das Mittelschiff hinein und wußte nun nicht mehr was tun. Es war zum Angst bekommen! Hier nun sollte der liebe Gott wohnen? In diesem riesenhaften, dunklen und abweisenden Raum? Mein ganzes Streben und meine Vorstellung hatten sich nur darauf gerichtet, in die Kirche hinein zu kommen, was ich aber zu tun hätte, wenn ich einmal darin wäre, darüber hatte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Unschlüssig verharrte ich einige Sekunden lang im Gang und nahm rechts und links von mir Menschen wahr, die auf den Bänken saßen. Einige blickten mich nun an. Gleichgültig bis mäßig erstaunt, wie man eben so schaut, wenn da plötzlich ein kleines Kind neben einem steht.

Das war zu viel! Hier wäre Flexibilität gefragt gewesen und viel mehr Mut als mir zur Verfügung stand. Den hatte ich höchstwahrscheinlich schon vorher auf dem Weg zur Kirche verprasst. Das Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit wurde übermächtig und zwang mich zum sofortigen Rückzug. Ich drehte mich um und rannte zum Ausgang. Wieder stand ich vor dem verschlossenen Tor, doch diesmal fühlte es sich anders an. Enttäuschung, die Schmach der Niederlage, die Angst vor diesem unheimlichen Raum und den vielen unbekannten Leuten schabten nun an meinem Rücken und verliehen mir übermäßige Kräfte. Mit aller Macht stemmte ich mich von innen gegen die Tür, die nun millimeterweise nachgab. Als der Spalt, durch den das Tageslicht hereindrang, mir breit genug erschien, quetschte ich mich hindurch. Eines meiner Ohren wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen, auch blieb ich mit meiner Strumpfhose irgendwo hängen und riß mir ein Loch hinein. Aber das war ja völlig egal, denn ich war der Kirchenhölle entkommen. An den Nachhauseweg erinnere ich mich nicht mehr, ich stand wohl unter Schock.

Das Kirchentrauma der frühen Jahren bewirkte bei mir später eine Weigerung an der Teilnahme zur Konfirmation (zur Freude meiner Mutter), bescherte mir Freistunden oder aber Ethikunterricht (Herkules am Scheideweg) und späterhin den Kirchenaustritt.

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