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malade

Mittwoch, 11. Juli 2007

...

Ich hatte einmal eine Krankheit, die sich gut eignet, sie seinem ärgsten Feind an den Hals, respektive Arsch, zu wünschen. Von der werde ich jetzt berichten.

Die manchmal schwellende, stets nach ein paar Tagen wieder schrumpfende Beule an meinem Steißbein war mir seit Jahren wohl bekannt. Je nach Größe verursachte sie mehr oder weniger Schmerzen, behinderte beim Sitzen und wenn es arg kam, auch schon mal beim Laufen. Natürlich gehe ich bei so was zum Arzt, der mich mit der Diagnose "Zyste- kommt und geht wie Ebbe und Flut, eigentlich ungefährlich und nicht zu operieren" und einer Salbe wieder heimschickte. Wie gesagt, ich hatte das ja nicht ständig, aber so 2-3 mal im Jahr wurde es akut.

Es war 1999 im Spätsommer, als dieses Ding wieder zu schwellen anfing, diesmal aber nicht nach ein paar Tagen wieder zurück ging, sondern immer weiter wucherte, bis es mir nicht mal mehr möglich war, eine Hose anzuziehen. Anderer Arzt, andere Diagnose. Logisch. Dieser nun meinte, es handle sich um eine "Sakralfistel" (mein persönliches Unwort des Jahres '99), die man auf JEDEN FALL operieren müsse, und zwar pronto. Beim Hinausgehen wünschte er mir noch "viel Glück". Dass ich das nötig haben würde, wusste ich in dem Moment noch nicht. Ich stellte mir nämlich vor, dass das Ganze mit einem kleinen Schnitt erledigt sein würde. Ritz-Spritz-fertig!

Der Arzt im Krankenhaus ließ diese Hoffnung platzen in der Art, wie ich mir wünschte, dass er meine Fistel platzen lassen würde. Er sprach von einem Binodialabszess (dt. Steißbeinabszess) enormen Ausmaßes, den man "weitläufig" herausschneiden müsse, was einen mehrmonatigen Wundheilungsprozess nach sich ziehe, weil die Wunde "von innen" heilen müsse. Nähen sei da nicht möglich, ob ich denn hoffentlich einen Arbeitgeber hätte, der für mehrere Wochen auf mich verzichten könne, usw. usf. Die Skizze, die er verfertigte, um mir, die wohl mit einem "daskanndochallesnichtwahrsein"- Gesichtsausdruck da saß, zu verdeutlichen, wie er zu schneiden gedenke, verschwamm schon vor meinen Augen, da mir (bei so etwas bin ich nicht sehr tapfer) bereits die Tränen herunter liefen.

Es dauerte ca. 2 Stunden, bis ich mich in mein Schicksal gefügt hatte. Dazwischen erwog ich ernsthaft die Flucht (Vogel Strauß Taktik), das Konsultieren eines Zweit- und ggfs. eines Drittarztes, oder den Besuch beim Heilpraktiker (weil die nie schneiden). Alleine dem optimistischen Zureden meiner Mutter (die die Fähigkeit hat, an Scheiße noch Gold zu finden) war es zu verdanken, dass ich mich zur OP entschloss. Diese und auch der 5-tägige Aufenthalt im Krankenhaus sollen nicht das Thema sein, sondern der Heilungsprozess danach und die damit verbundenen Schmerzen, auf die ich in keiner Weise vorbereitet war. Die setzten nämlich exakt an dem Tag ein, an dem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, mit der Aufforderung, ab sofort bei meinem Hausarzt vorstellig zu werden.

Man muss sich die Wunde als ein mehrere Zentimeter tiefes und entsprechend klaffendes Loch vorstellen. Um den Steißbeinknochen herum wurde "großzügig ausgeschnitten", er schimmerte dem Betrachter nun weißlich entgegen. Schon im Krankenhaus hatte ich, auf einer Art gekacheltem Thron, dreimal täglich Kamillensitzbadsitzungen abzuhalten (für zuhause gab es dann einen schönen Plastikeinsatz für die Toilette). Dieser Anblick inspirierte meinen damaligen Freund angeblich zu seinem Bild "Wellness mit Mombretzie", was schon auf ein paar Ausstellungen zu sehen war. Dieser Freund war es auch, der bei meiner Krankenkasse als Haushaltshilfe angegeben wurde, da ich die darauffolgenden zwei Wochen nicht mehr in der Lage war, alleine den Weg auf´s Klo zu schaffen. Jemand, der schon einmal mit dem Steißbein auf eine Kante oder einen Stein gefallen ist, weiß im Ansatz, welche Pein ich durchlitt, nur eben, dass der Schmerz nicht etwa nachließ, sondern durch jede auch noch so minimale Bewegung (ein Hüsterchen z. B.) jäh aufbrandete. Mein Hausarzt verordnete mir Paracetamol 1000 mg, von denen ich 8 Stück täglich nehmen musste, gekoppelt mit morphinhaltigen Tropfen, die mir Nachts zwar die Schmerzen nahmen, mich aber am Einschlafen hinderten, da ich das Gefühl hatte, jeden Moment eine Atemlähmung zu bekommen und die meinen Kreislauf derart schwächten, dass mir beim Aufstehen immer wieder schwarz vor Augen wurde. Die Nebenwirkungen waren derart stark, dass mir der Arzt abriet, diese noch weiter zu nehmen.

Ich war nun alle zwei Tage gezwungen die Praxis aufzusuchen und mir von einer Arzthelferin die mit Betaisodonna getränkten Mullbindenfetzen entfernen zu lassen, welche sie mir beim letzten Mal in die Wunde gedrückt hatte. Das mit den Mullbinden habe ich ziemlich schnell unterbunden, ich mußte auch nicht groß diskutieren, mein Anblick sprach wohl für sich ("Aber bitte machen Sie auch schön Ihre Kamillebäder, ja!?"). Das Ganze schien ein nicht gerade alltäglicher Fall gewesen zu sein, denn einmal holte mein Arzt seinen Kompagnon herbei und ich konnte durch die halb geöffnete Tür hören wie er gedämpft sagte: "Karl, komm mal, Du wolltest DAS doch auch mal sehen!" Eben dieser Karl stand dann fassungslos über meinen Hintern gebeugt und sog geräuschvoll die Luft zwischen seinen Zähnen ein. So was baut natürlich ungemein auf. Wenig tröstend auch seine Bemerkung, dass solche Verletzungen in der Schmerzhitparade einen vorderen Rang belegten, schlimmer sei angeblich nur noch das Geburtsweh und der Vernichtungsschmerz bei Herzinfarkt. Es liefen halt an dieser Stelle verdammt viele Nerven zusammen (Rückgrat), und das neu entstandene Gewebe müsse wieder mit neuen Nervenbahnen versehen werden, die nun ständig Signale abfeuerten, zur Übung, quasi.

Nach ca. 4 Wochen hörte der Dauerschmerz auf und nur noch bestimmte Bewegungen taten weh. nach 6 Wochen fand ich den Mut, mir mit Hilfe eines "Rückspiegels" den Schlamassel mal anzuschauen, wobei ich eitel rief: "Mein schöner Hintern! Igitt!" Nach 3 Monaten war ich die meiste Zeit schmerzfrei, die Wundhöhle nur noch ca. 2 Euro Stück groß. Nach 6 Monaten hätte man noch schön eine Erbse darin verstecken können, nach einem dreiviertel Jahr war es dann geschafft, das Gewebe war komplett vernarbt. Der Geruch der Kamille, seit jeher negativ besetzt (Zwieback, Eimer neben dem Bett) ist mir nun vollends unerträglich geworden. Geblieben ist die Angst, dass so was wieder einmal kommen kann, angeblich gar nicht so unwahrscheinlich.

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