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Mittwoch, 19. September 2007

Eine längere Geschichte über das Sterben

Im Juli des Jahres 2000 starb mein Vater. Meine Eltern sind seit meinem 5. Lebensjahr nicht mehr zusammen und so hatte ich selten Gelegenheit, ihn zu sehen. Mit 19 lernte ich ihn, der aus beruflichen Gründen immer im Ausland wohnte, dann näher kennen, als ich ihn für mehrere Monate in Birma besuchte. Unsere Annäherung aneinander verlief nicht unproblematisch und auch nachfolgende Besuche konnten unser Verhältnis nicht dauerhaft vertiefen. Er, der notorische Zyniker, blieb mir seltsam fremd und fern und ich ihm wahrscheinlich ebenso.

Ein paar Monate zuvor also erfuhr ich, dass er an Rachenkrebs erkrankt war. Krebs, der auf den Schleimhäuten entsteht, ist ein sehr aggressiver und schnell wuchernder, die Heilungschancen liegen bei unter 10 %. Damals arbeitete er in Bangkok, wo er sich auch behandeln ließ, und nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich alsbald ein Rezidiv, vielleicht auch deshalb, weil mein Vater seinen Plan, sich mit täglich Alkohol und reichlich Zigaretten weiterhin zugrunde zu richten, nicht wirklich aufgeben wollte und konnte.

Er schrieb mir, dass er mit seiner 2. Frau, einer Birmanin, nun beabsichtige, nach Deutschland zurückzukehren und sich in seiner Geburtsstadt eine Wohnung zu nehmen. "Er kommt zum Sterben nach Hause" schoss es mir da sofort durch den Kopf. Eine Wiederbegegnung nach einem Jahr stand an. Man hatte mich gewarnt. "Your Papa looks not the same as you know him", sagte mir seine Frau in ihrem speziellen Englisch am Telefon, "he gave birth to his 15 years old baby!" Das bezog sich auf seinen unglaublichen, stets trommelartig geblähten Bierbauch, den er seit Jahren, alle Schwangeren verhöhnend, vor sich hertrug. Trotzdem erschrak ich mächtig. Der Krebs hatte ein dreiviertel Jahr an ihm gefressen und schien kaum noch etwas übrig gelassen zu haben. Er hatte über 30 Kilo abgenommen, bei einer Größe von 1,70 m. Er habe nun sein Kampfgewicht erreicht, meinte er in seiner lakonischen Art, als er merkte, wie ich ihn erschreckt musterte.

Der Umzug wurde organisiert, man wartete auf den Container aus Übersee. Die Wochen verstrichen, in denen ich so oft wie möglich die 50 km nach C. fuhr, meinen Sohn mitnehmend, damit er seinen Opa noch ein wenig kennenlernen konnte. Immer wieder musste er für ein paar Tage oder länger ins Krankenhaus, wo ihm entweder eine Magensonde gelegt wurde, weil die Schmerzen die Nahrungsaufnahme auf normalem Wege nicht mehr zuließen, oder er sich einer weiteren, sinnlosen Chemotherapie unterzog. War er zuhause, saß er "zum Essen" am Wohnzimmertisch, an der Lampe war der Beutel mit der Astronautennahrung aufgehängt, die über einen Schlauch direkt in seinen Bauch geleitet wurde, in seiner dürren, faltigen Hand die obligatorische Zigarette.

Das Sprechen fiel ihm schwer. Er konnte nur noch leise und unter enormen Schmerzen kurze Sätze von sich geben und meist verstand man ihn dann trotzdem nicht. Aber kaum einer wagte es, öfter als ein Mal nachzufragen, weil es einem selbst wehtat, wenn man sah, was für eine Anstrengung das Sprechen für ihn bedeutete. Er könne nun Essen und Rauchen zugleich, das war so ziemlich der letzte Scherz, den er auf seine Kosten machte, bzw. den ich verstehen konnte. Er hatte jetzt immer einen Schreibblock vor sich liegen, auf den er mit seiner schönen Handschrift die wichtigsten Sätze notierte. Um zumindest phasenweise eine gewisse Schmerzfreiheit zu erreichen, beklebte er seinen Körper mit Morphiumpflaster in Maximaldosierung, was ihn öfter mal in Dämmerzustände versetzte, in denen man ihn nicht mehr erreichen konnte.

Ich befand mich in einem seltsamen Zwiespalt. Einerseits war mir klar, dass die Zeit mit meinem Vater nun zu Ende ging, ohne dass wir uns jemals richtig nahegekommen wären. Dann nahm ich mir vor jedem Besuch vor, gewisse Dinge anzusprechen, die mir wichtig erschienen und über die ich noch Klarheit erlangen wollte, bevor alles vorbei sein sollte. Allein es fehlte mir jedesmal der Mut, diese Dinge anzusprechen. Irgendwie schienen sie auch nicht mehr so wichtig, in Anbetracht des fortschreitenden Verfalls meines Vaters. Alles in Allem aber war ich zu feige. Aber seinem Tod wollte ich mich stellen, das hatte ich mir vorgenommen. Er wäre der erste Mensch, den ich würde sterben sehen.

Kurz darauf musste er wieder ins Krankenhaus und es war klar, dass es der letzte Umzug sein würde. Wenn man das Krankenzimmer betrat, verschlug es einem jedesmal den Atem, derart beißend war der Geruch, der von ihm, dem am lebendigen Leibe Verfaulenden, ausging. Dort saß er anfänglich noch an seinem Tisch, vor sich aufgeschlagen sein Lieblingsbuch, in das er unablässig starrte, ohne je eine Zeile zu lesen. Ich saß ihm gegenüber, sah ihm beim Starren zu und bei seinen verzweifelten Versuchen, eine Seite umzublättern. Ab und an tauchte er aus seinen Dämmerzuständen auf und dann musste ich mit ihm auf den Balkon, ihm eine Zigarette anzünden, die er sich in mechanisch ausgeführten Bewegungen immer wieder an die Lippen hielt, zu schwach, um daran zu ziehen.

Zwei Tage später hatte er, der mittlerweile auf 43 kg abgemagert war, bereits keine Kraft mehr das Bett zu verlassen. So lag er da. In seiner Lunge hatte sich eine Menge Schleim gesammelt, der ihm von einer Schwester zwar regelmäßig abgesaugt wurde, ihn aber beim Atmen sehr behinderte. Jeder Atemzug erschien wie eine wahnwitzige Kraftanstrengung, die den ausgemergelten Körper auf und nieder hob. Allein dieses geräuschvolle, angestrengte Atmen meines Vaters zu ertragen, ging enorm an die Substanz.

Es war an einem Montag Mittag, ich war gerade wieder nach C. gefahren und saß bei meiner Tante (seiner einzigen Schwester, der "Lieblingsschwester", wie er in gesunden Tagen immer wieder betonte), trank noch einen Kaffee mit ihr, bevor wir zum Krankenhaus aufbrechen wollten, als sie einen Anruf von dort erhielt. Eine Schwester war am Apparat die sagte, wir sollten sofort kommen, es sei nun soweit. Ich sah in das erschreckte Gesicht meiner Tante und sah dort doch nur mein eigenes erschrecktes Gesicht, denn wenngleich das Sterben meines Vaters ein absehbares, sogar herbeigewünschtes war, so kam die Nachricht, dass es nun soweit sei, wie ein Schlag in den Nacken. Meine Tante und ich befanden uns in einem totalen Zustand der Angst. Weder sie noch ich hatten je zuvor Vergleichbares erlebt und wir wussten nicht, wie wir das überstehen würden.

Als wir ankamen waren um sein Bett schon einige Leute aus dem nahen Freundes- und Verwandtschaftskreis versammelt. Seine Frau stand am Kopfende des Bettes. In der einen Hand hielt sie ein Glas mit Wasser und ein kleines Heftchen, aus dem sie monoton Sätze ablas, die dort in birmanischer, brezelhaft anmutender Schrift gedruckt waren. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand befeuchtete sie dann und wann die trockenen Lippen meines Vaters. Sie bedeutete meiner Tante und mir, zu beiden Seiten des Sterbenden Platz zu nehmen und befahl uns beinahe, mit ihm zu reden, immer wieder verlangte sie das, und verlangte gerade das Schwerste, denn ich sah mich außerstande mehr zu meinem Vater zu sagen, als dass ich nun da sei, "Pipa, ich bin da, deine Tochter ist da!" Zu mehr langte es bei mir nicht und ich gab es bald auf, in meinem leeren Hirnkasten nach irgendwelchen Sätzen zu suchen, die mir dann doch nicht angemessen erscheinen würden.

Meine Tante sagte gar nichts. Stattdessen nahmen wir jeder eine Hand, die wir nun über Stunden hinweg nicht mehr loslassen sollten. Die Hand war merkwürdig heiß, so wie der ganze Vater bis hinab zu den Füßen eigenartig zu glühen schien, was ich eigentlich nicht erwartet hatte. Er hatte seine Augen geschlossen und schien, rein äußerlich, nichts wahrzunehmen, war völlig damit beschäftigt, in seine verschleimten Lungenflügel ein wenig Luft hineinzusaugen. Dieses saugend-ziehende Geräusch und das gleichmäßige Murmeln seiner Frau waren eine Zeit lang das einzig Hörbare im Raum. Es war wahnsinnig heiß, der Geruch kaum auszuhalten. Nach ungefähr einer Stunde fiel uns ein, dass meine Oma ja noch gar nichts vom akuten Zustand ihres Sohnes wusste und wir diskutierten kurz, ob wir sie, die eigentlich seit Monaten das Haus nicht mehr verlassen hatte, dazu holen sollten oder nicht. Ich setzte mich schließlich gegen meinen Onkel durch und meinte, dass es wohl der Wahnsinn sei, sie nicht zu holen, schließlich sei das ihr Sohn, auch noch der am meisten geliebte. Mein Onkel Jo zog nun ab, die Oma zu holen, wobei uns allen wirklich vor dem Moment graute, an dem die Mutter am Sterbebett ihres Sohnes eintreffen würde.

Es war aber in der Tat so, dass meine Oma, wenngleich weinend, von uns allen noch am ehesten in der Lage war, sich meinem Vater anzunähern. Immer wieder bedeckte sie sein Gesicht und seine Hände mit Küssen und ganz natürlich schienen ihr immer wieder Worte einzufallen, nach denen ich so verzweifelt gesucht hatte. Auch mein Vater schien durch ihre Nähe ruhiger geworden. Seine Atemfrequenz senkte sich und ich konnte spüren, wie die fieberheiße Hand kälter wurde.

Seit dem Eintreffen meiner Oma waren nun weitere Stunden vergangen, ohne dass sich der Zustand meines Vaters in irgendeiner Weise verändert hatte. Die Agonie hielt an und ab und zu betrat eine Schwester oder ein Pfleger das Zimmer, um einen kurzen Blick auf ihn zu werfen. Meine Oma war nun völlig entkräftet und sagte, sie wolle eine Pause machen, um auf dem Balkon eine zu rauchen. Diese vielleicht zehn Minuten dauernde Abwesenheit seiner Mutter nutzte mein Vater um zu sterben.

Mir war plötzlich aufgefallen, wie still es im Zimmer war. Das angestrengte Röcheln war einem völlig ruhigen und gleichmäßigen Atmen gewichen und das Gesicht meines Vaters, was er die ganze Zeit meiner, auf der anderen Seite des Bettes sitzenden Tante zugewandt hatte, sah zwar entspannter, dafür aber auch bläulich und eingefallen aus, Hände und Füße wurden zunehmend kälter. In dem Moment kam seine Frau von der Toilette zurück und ich sagte zu ihr, dass sich irgendwas verändert habe, irgendwas würde jetzt passieren. Sie meinte nur "I see, I see", wollte aber nicht mehr an das Bett ihres Mannes zurück. Sie, die vorher ununterbrochen an seiner Seite gestanden war, hatte nun nicht mehr die Kraft, diese letzten Minuten bei ihm zu bleiben und zog sich in eine Ecke des Zimmers zurück.

Die plötzliche Stille war unheimlich. Jeder starrte auf meinen Vater. Der Tod schien im Zimmer angekommen, Jeder im Raum konnte das Absolute, Unabwendbare seiner Gegenwart spüren. Plötzlich fühlte ich, wie das Leben aus meinem Vater regelrecht herausfloss. Ich konnte die von ihm weichende Lebensenergie spüren, wie sie von seiner in meine Hand überging und innerhalb von Sekunden mein Herz wie wahnsinnig schlagen ließ. Meine Tante erzählte mir später, dass sie exakt das gleiche gespürt hatte und dass auch ihr Herz rasend schlug. Dann bäumte sich mein Vater still zwei-, dreimal auf, das heißt, es war mehr ein nach vorne drücken seiner Schultern, als Zeichen eines minimalen Aufbegehrens. Nun passierte das, was mich bis heute am meisten wundert, denn aus meinem Mund kam genau in diesem Moment völlig selbstverständlich der Satz "Geh auf das Licht zu", den ich, mit deutlich hörbarer, eindringlicher Stimme, noch einmal wiederholte. Es war ziemlich schrecklich, denn ich wusste nicht, wo in mir dieser Satz vorher gewesen sein sollte. Nie hatte ich während des ganzen Sterbeprozesses an ein Licht oder etwas ähnliches gedacht, ich sprach einfach aus mir heraus, als wäre das der Satz, den ich am Ende eines langen Theaterstückes zu sagen hätte, der Schlusssatz, bevor der Vorhang fällt.

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