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kindheitskatastrophen

Mittwoch, 4. Juli 2007

Ängste

Ich weiß ja, es ist sinnlos, die Vorstellung weiter zu verfolgen, was aus mir geworden wäre, hätte das große Trauma meiner Kindheit nie statt gefunden. Im Grunde ist es auch unwichtig, denn es reicht mir im Prinzip zu wissen, was aus meinem Leben und meinen Beziehungen NICHT geworden ist, weil es statt gefunden hat.

In der Tat, ich habe so lange gebraucht, und alt musste ich werden, mitnichten erwachsen, aber alt, und im Grunde verdanke ich es der Geburt meines Sohnes, dass ich endlich dahinter gekommen bin, was da mit mir passiert und vor allem: warum. Warum ich mich tief im Herzen ungewollt fühle, hässlich und nicht liebenswert. Woher die Eifersucht kommt, die mich aufzehrt, die ewige Verlustangst, das Gefühl der Minderwertigkeit und dieses mich nicht annehmen können so wie ich bin, eins und froh werden mit mir, es gut finden, dass ich da bin und einfach nur leben darf. Habe ich einen Mann, dann lass ich mich nicht wirklich ein. Lass ich es aber doch zu, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Je mehr ich mich einlasse, desto schlimmer. Wo Vertrauen sein sollte, ist Misstrauen und die ewige Angst, von ihm wieder verlassen zu werden. Man könnte sagen, der Grundtenor meines Lebens ist das tiefe Gefühl eines argen Verlustes, eines Schmerzes, der nie wirklich aufhört, weil die Ursache tief in mir drin sitzt und ich nicht hinreiche. Es ist einfach zu lange her und ich war ein Kind. Ein Kind das nachts weinte und immer alleine war. In der Zeit, in der sich mein Urvertrauen hätte bilden sollen, was es mir später ermöglicht hätte loszulassen und eine gesunde Persönlichkeit zu entwickeln, wurde ich von meinen Eltern (hauptsächlich kreide ich es meiner Mutter an, mein Vater war eh unfähig) schreiend in meinem Bett alleine gelassen, Nacht für Nacht, Jahre lang. Manchmal hatte ich "Glück", dann hörte man mich und versuchte mich zu beruhigen. Meistens jedoch schrie und weinte ich ins Leere. Ich wusste lange nicht, dass das eine Traumatisierung bedeutet. Mein Therapeut hat es mir gesagt, geahnt hatte ich es jedoch bereits, dass meine Probleme, "normal" durch das Leben zu kommen, irgendwie damit zu tun haben müssen.

Intuitiv habe ich das mit meinem Sohn nie gemacht, wenngleich mir das ja selbst widerfahren war, habe ich das Trauma nicht fort gesetzt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, ihn nachts alleine zu lassen oder auf sein Weinen nicht zu reagieren. Aber gefragt habe ich mich natürlich, als er da nachts weinte. Plötzlich kamen die Fragen auf. Was war eigentlich, als DU früher nachts weintest? War da jemand da? Und als hätte man einen Vorhang beiseite geschoben, öffnete sich mir der Blick auf die Zeit, in der ich 3, 4 Jahre alt war und wir noch in Coburg wohnten. Plötzlich wurde alles wieder überdeutlich, konnte ich mich genau an das Gefühl erinnern, was es für mich bedeutete, wenn es Nacht wurde und ich im Bett lag. In diesem roten Eisenbett mit den geschwungenen Stäben und den Engelsköpfen und weinte, weil ich Angst hatte.

Dadurch wurde ich zum "schwierigen" Kind. Hab an der Mutter geklammert wo es nur ging. Klar - wenn sie mal da war, wollte ich sie behalten, denn sie konnte ja jederzeit wieder verschwinden. Wann und ob sie dann wieder kommen würde, war immer unklar. Rational betrachtet Quatsch, natürlich hat sie mich nie wirklich verlassen, aber Kinder, die ein sicheres Urvertrauen entwickeln konnten, wissen das intuitiv und klammern auch nicht, denn sie haben ja früh die Erfahrung gemacht, dass die Mutter immer kommt, wenn sie gebraucht wird. In dieser kurzen Zeit, in der es "Mutter satt" hätte geben sollen, war Mutter Mangelware.

Der Unterschied zwischen mir und meinem Sohn wurde mir drastisch bewusst, als ich einmal mit dem Zug nach Berlin fuhr, für ein paar Tage. Mein Sohn war damals vier und stand mit meiner Mutter am Bahnsteig, um mich zu verabschieden. Wir winkten uns durch das Zugfenster zu und mein Sohn war in aufrichtiger Freude, dass seine Mama ICE fahren darf. Keine Tränen, kein Geschrei oder sonstiges. Ich an seiner Stelle hätte damals meine Mutter niemals alleine fort gelassen, hätte mich notfalls an ihr Bein geklammert und wäre nicht mehr zu beruhigen gewesen.

Selbstvertrauen in mich und meine Handlungen hatte ich sowieso nicht und ich war sehr ängstlich im Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen. Versagte unnötiger Weise in der Schule, blieb bis heute weit unter meinen Möglichkeiten und hatte immer diese Angst im Dunklen. Dunkelheit war für mich höchste Qual. Noch als Teenager musste ich mir zum Einschlafen die Decke über den Kopf ziehen, damit ich mich von der Dunkelheit von außen abkoppeln konnte. Am schlimmsten war der Weg vom Lichtschalter zu meinem Bett, den ich fast in einem Satz nahm, nur um mir schnell die Decke über den Kopf ziehen zu können, um die Dunkelheit nicht sehen zu müssen. Paradox, aber erst unter der noch dunkleren Decke fühlte ich mich geborgen. Als ich älter wurde und mit 19 zuhause auszog, musste ich Menschen um mich haben, damit ich nachts nicht alleine war. Ich weiß nicht, wie viele sinnlose Beziehungen ich angefangen und nach 3 Monaten wieder beendet habe, nur um nachts nicht alleine einschlafen zu müssen. Oft konnte ich das sowieso erst, wenn draußen schon der Morgen graute.

Mit 28 kamen die ersten Panikattacken. Damals war das noch völlig neu, da wusste kaum einer, was Hyperventillieren bedeutet. 10 Jahre später in jeder Frauenzeitschrift Beschreibungen des Paniksyndroms von vorn bis hinten. Es folgten Zeiten, da konnte ich das Haus nicht mehr verlassen, weil ich das Gefühl hatte, die Hauswände stürzen auf mich ein. Stand ich an der Kasse längere Zeit an oder auf der Autobahn im Stau, glaubte ich, gleich ohnmächtig zu werden. War ständig auf der Flucht, ruhelos. Heute seh ich manchmal Leute, die auch sowas haben. Ungeduldig stehen sie an der Kasse, treten von einem Bein auf das andere, fummeln an sich herum. Weil die Alte am Anfang der Schlange das Kleingeld nicht findet, tritt ihnen der Schweiß auf die Stirn. Immer wieder nehmen sie den Geldbeutel, suchen in ihren Taschen, schnaufen und sind kurz vor dem Kollaps. Damals war ich eine von ihnen und hatte etliche Tricks auf Lager, damit Freunde/Hausmitbewohner Sachen für mich einkauften, entwickelte Vermeidungsstrategien an der Zahl. Einmal wurde ich mit dem Krankenwagen aus der Stadt geholt, Puls kurz vor 200, Blutdruck dem entsprechend. "Hatten Sie viel Stress in letzter Zeit?" wurde ich vom Notarzt gefragt. Hm, was sollte ich darauf sagen. Eigentlich nicht. Dass der Stress viel tiefer saß, seine Wurzeln in meiner Kindheit hatte und von mir "sorgsam" bis in die Jetztzeit konserviert und transportiert wurde, wusste ich damals noch nicht.

Gleichzeitig zu den Panikattacken entwickelte sich meine Herzphobie. Herzrhythmusstörungen. Galoppierende, flatternde, stolpernde Kobolde da links innen. Was sollte ich machen? Bin zu diversen Ärzten, 24-Stunden EKG mehrfach, Schilddrüse, Ultraschall, alles im grünen Bereich und damit faktisch gesund. Trotzdem: immer wieder Herzflattern. Zweimal musste ich deswegen noch den Notarzt rufen, weil ich ernsthaft dachte, es ginge zu Ende. Valium hieß damals mein Rettungsanker.

Erst als mein Sohn zur Welt kam, wurde das etwas besser, denn ich schöpfte ja Verdacht. Hatte die Kraft, zu einem Therapeuten zu gehen und ihm von meinem Verdacht zu erzählen. Er bestätigte den Verdacht und meinte nur, es wundere ihn, dass unter diesen Umständen nicht noch viel schlimmere Dinge mit mir passiert seien. Von Drogenmissbrauch und Selbsverletzungen war unter anderem die Rede. Ich sei wohl sehr stark, hätte diese Stärke sehr früh lernen müssen, was es ihm auf der anderen Seite überhaupt nicht leicht machte, an mich heranzukommen. Er hat es bis heute nicht geschafft, weil ich es nicht zugelassen habe, aus Angst vor Kontrollverlust. Aber er hat mir trotzdem sehr geholfen, denn er ist Psychosomatiker, aus der klinischen Praxis mit sehr ergebnisorientierten Therapieansätzen. Keine Ahnung, wie er das damals machte, aber ich hatte nur 9 Stunden bei ihm, in denen er mir einmal eine Tiefenentspannung verpasste, wie ich sie noch nie vorher empfunden hatte, ein anderes Mal den Tipp gab, einmal Anderssens Märchen vom "hässlichen Entlein" zu lesen (was mich stundenlang hat heulen lassen und zwei, drei Türchen in mir öffnete) und mir schließlich eine Passage aus einem medizinischen Werk seines Kollegen vorlas, in der es über Herzensängste ging. Keine Ahnung mehr, was da eigentlich drin stand. Aber seither habe ich keine Rhythmusstörungen mehr, bzw. keine Angst mehr davor und somit wurden sie kleiner und verschwanden beinahe vollständig. Was zählt ist dieser Erfolg, denn seither lebe ich wieder. Was bleibt, ist die ewige Angst, verlassen zu werden und nicht gut genug zu sein. Aber dazu hätte ich ihn an mich "rankommen" lassen müssen und das habe ich mich bisher noch nicht getraut, denn das hieße auch, dass ich das große Trauma noch einmal durchleben und in meine Persönlichkeit integrieren müsste. Das innere Kind heilen, so sagt man wohl. ich hoffe, dass ich das irgenwann einmal schaffen kann.

Montag, 25. Juni 2007

Meine Mutter, mein Vater, ich

Ich mag wohl 3 Jahre alt sein, vielleicht 4. Ich bin Nachts aufgewacht und liege in meinem roten Eisenbett mit den geschwungenen Stäben und den geschnörkelten Engelsköpfen an den Seitenteilen und habe Angst. Unter dem Bett wohnt das Männlein Mittentzwei, ein böser Zauberer, der den Kindern das Spielzeug aus den Händen unter die Füße bläst und der seinen Garten mit den Tränen gießt, die sie dann weinen, weil sie es zertreten haben. Mit wachen Augen versuche ich die Dunkelheit zu durchdringen. Alle Gegenstände, die in meinem Zimmer stehen, sehen plötzlich anders aus, haben die Farbe verloren und bestehen nur noch aus Schwarz. Hinter dem Kopfteil des Bettes das Fenster, durch die zugezogenen Vorhänge nur ein schwacher Schein der Straßenlaterne vor dem Haus. Ich zucke zusammen, denn der Weichholzschrank gibt unvermutet ein trockenes, lautes Knacksen in die Dunkelheit ab, das Holz "arbeitet", wie mir meine Mutter unlängst erklärt hat. Ich glaube nicht, dass das Holz arbeiten kann. Ich glaube an das Männlein Mittentzwei und an den Mann mit dem riesigen Feuermal im Gesicht, der bei uns in der Nachbarschaft wohnt, niemals lacht und alle Kinder mit seinem Aussehen erschrickt.

Mein Zeigefinger streicht die Eisenstäbe entlang, geht in die Biegung, verfolgt die Linie bis in den Schnörkel hinein, kommt am Ende an und streicht den gleichen Weg wieder zurück, immer wieder. Oft bin ich darüber müde geworden und eingeschlafen. Heute ist die Angst zu groß, wahrscheinlich ist ein schlimmer Traum im Spiel. Längst schon habe ich zu Weinen angefangen und zwischen das Schluchzen ein paar leise Mamarufe gepackt. Es kommt niemand. Mittlerweile bin ich mir auch sicher, durch das Weinen das Männlein unter meinem Bett geweckt zu haben und meine Angst wird immer größer, ich steigere mich in eine Art Hysterie hinein. Die fragenden Mamarufe haben sich längst in fordernde Schreie verwandelt. Vielleicht habe ich nur zu leise geschrien? Vielleicht kann ich doch noch lauter? Ich schreie aus vollstem Hals nach meiner Mutter, ich werde schreien, bis ich heiser bin und vor Angst ins Bett gepinkelt habe. Mein Gesicht ins nasse Kissen gedrückt und nass zwischen den Beinen werde ich mich irgendwann in den Schlaf geweint haben.

Meine Eltern schliefen, wenn sie nicht gerade ausgegangen waren und mich alleine zu Hause gelassen hatten, zwei Stockwerke über mir in einer Dachkammer am anderen Ende des Hauses, unerreichbar für jeden Ruf.

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