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Sonntag, 10. Juni 2007

(30.09.2003)

Die Urnenbeisetzung ist eher so etwas wie eine Formalität. Während sich am Freitag zur Aussegnung noch alle Mitglieder und Freunde der Restfamilie in der kleinen, schönen Kapelle trafen, ist hier nur noch der harte Kern versammelt. Wir treffen uns am Haupteingang des Friedhofs, bestes Wetter gibt es für uns, schön. Wir stehen eine Zeit herum, warten auf die Urne mit der Oma drin. Kurz nach zwei Glockenschlägen, die der Wind von irgendeiner Kirchturmspitze in unsere Ohren trägt, kommt ein Friedhofsangestellter um die Ecke. Vor sich her trägt er die Urne, die mit einem schwarzen Samttuch bedeckt ist. Er selbst ist feierlicher gekleidet als wir alle zusammen. Schwarze Hose, Jackett, Hemd, Krawatte. Das Ursprungsschwarz seiner Schuhe jedoch ist abgestoßen und wirkt vergleichsweise schäbig. In seinem Gesicht berufsbedingte Scheinverhärmung. Erst als er merkt, daß wir gerade gescherzt haben und auch nicht vor haben damit auf zu hören, wird er lockerer.

Ein paar Minuten noch auf eventuelle Nachzügler warten, reden über Wetter, Blumen, Frost. Friedhofstalk eben. Dann beschließt er anzufangen. Meine Oma wird voran getragen. Der Friedhofsmensch hat einen speziellen Schritt in petto, mit dem er die Urne zu Grabe trägt. Eine Mischung aus unterdrücktem Gehen (der Weg zum Grab ist recht lang) und angemessenem Schreiten (man will den Angehörigen ja schließlich nicht all zu schnell loswerden). Den beherrscht er perfekt. Meine Tante und ich kichern, weil wir uns beide in dem Moment daran erinnern, wie meine Oma damals bei der Urnenbeisetzung ihres Mannes ständig dem Urnenträger in die Hacken lief, weil sie dessen arg gemessenen Schrittrhythmus nicht einhalten konnte. Außerdem hat "unserer" zwei ausgefallene graue Haare auf den Schulterpolstern seines Jacketts liegen und reichlich Schuppen auch.

Bei III/Reihe 11 biegen wir rechts ab. Dann noch mal links (genau wie vor drei Jahren versuche ich mir das einzuprägen, weiß aber, daß ich es bei der nächsten Urne wieder vergessen haben werde). Dann stehen wir vor dem Grab. Ein Loch ist schon darin, mein Sohn, der Skeptiker, untersucht es sofort. Tief genug, alles ordnungsgemäß. Auf dem Grabstein: Stefan W. (mein Onkel, 1979), dann Karl W. (mein Opa, 1990), darunter Karl-Michael W. (mein Vater, 2000). Jetzt meine Oma. Angeblich sind noch 5 Plätze frei.

Als wir uns alle platziert haben, zieht der Urnenträger eine in Folie eingeschweißte Karte aus seiner Jackentasche und klärt uns auf, weswegen wir hier sind. Dann erläutert er uns die Dramaturgie seines Vortrags ("Ich werde nun die zwei wichtigsten Daten aus dem Leben von Maria W., geborene S., lesen. Dazwischen mache ich bewusst eine Pause, damit Sie der Verstorbenen gedenken können"). Nachdem er das Geburtsdatum meiner Oma gelesen hat, fange ich an zu zählen. 21, 22, 23...und denke an den Moment, als die wunderschöne Stimme des Tenors den Raum der Aussegnungshalle bis in den letzten Winkel ausfüllte, Ave Maria, Mariiia, Mariiiiia!...28, 29, dann das Sterbedatum. Plötzlich zieht er das Samttuch zurück und die Urne kommt zum Vorschein. Um die Urne schmiegt sich ein feines Nylonnetz. Einem Einkaufsbeutel gleich hält der Mann sie am äußersten Zipfel fest und versenkt sie im Grab.
Ein Vaterunserderdubistimhimmelgeheiligtwerdedeinname. Danach dürfen wir alle noch ein paar Schaufeln Erde darauf häufeln, Asche zu Asche - Staub zu Staub, fertig. Der Mann verabschiedet sich von uns per Handschlag und lässt nicht locker, bis mein Sohn ihm die Rechte statt der Linken reicht. Jetzt kommt ein Mann in grüner Latzhose, ein Friedhofsgärtner. Er schüttet den restlichen Aushub auf die Urne und läßt sich dann gerne von uns wegschicken. Wir arrangieren den Blumenschmuck neu, das dauert eine Weile. Dann machen auch wir uns auf den Weg. Als wir ein Grab passieren, in dem die Familie "Trillhose" liegt, meint mein Onkel lakonisch: "Die waren bestimmt auch froh endlich tot zu sein, bei DEM Namen!"

(22.09.2003)

Ich betrete das Wohnzimmer, die vertrauten Möbel sehen in der neuen Umgebung völlig anders, besser aus. Hinten in der Ecke das Pflegebett, das Kopfteil erhöht. Der Raum ist erfüllt vom blubbernden Geräusch des Sauerstoffzubereiters, fast klingt es nach Aquarium, nur lauter. An dem Sauerstoffgerät angeschlossen die Frau im Bett, unterhalb der Nase ein feiner Schlauch, der den reinen Sauerstoff in die Nasenlöcher strömen läßt. Das soll das Herz entlasten, sagt der Arzt. Ich setze mich seitlich auf das Bett, es ist viel Platz, unter der Decke zeichnet sich schemenhaft der ausgemergelte Körper ab. 30, 32 kg? Das Gesicht ist leicht zur Wand gedreht, die Züge wirken angestrengt, die Augen geschlossen. Die zwei tiefen Furchen über der Nasenwurzel deuten aber an, daß hier nicht geschlafen, sondern gerungen wird. Als ich ihre Hand greife, die knochige, schöne, mit den tipptopp gefeilten Nägeln, weiß ich endgültig Bescheid. Fieberheiß ist sie, wie bei meinem Vater, damals.

Nun begrüße ich sie. Ihr Unterkiefer bewegt sich leicht, die Furchen zwischen den Augenbrauen verflachen, die Lider flattern kurz. Sie hat mich erkannt, ganz sicher. Ich fange an zu erzählen, von der Einschulung meines Sohnes und wie schlecht er seither schläft, wie er weinte und doch stolz ist, endlich ein Schulkind sein zu dürfen. Irgendwann ist mein Monolog beendet, mir fällt nichts mehr ein was ich ihr noch erzählen könnte. Wofür interessiert sich eine Sterbende? Dann betrachte ich noch lange ihr Gesicht und streichle dabei die Hand, die mich bald 39 Jahre berührte.

Dann setzen wir uns an den Tisch, meine Tante und ich, auch Carmen, die aus Rumänien geholte Pflegekraft, die für 750 Euro (inkl. Versicherung) die letzten paar Wochen meine berufstätige Tante bei der häuslichen Pflege unterstützte. Wir trinken Kaffee, lachen hin und wieder, im Hintergrund das Aquarium, meine blubbernde Oma. Später verabschiede ich mich von ihr. Wir wissen beide, daß es für immer sein wird, trotzdem kann ich nur sagen, tschüss liebe, liebe Oma, bis bald.

Das war gestern. Heute Mittag erreichte mich der Anruf, daß sie gestorben ist.

Samstag, 9. Juni 2007

(06.08.2002)

Oma um 1937

Heute, im Zeitalter der automatischen Türdrücker und der Gegensprechanlagen meine Oma zu besuchen ist weitaus ungefährlicher als damals, als man noch aufpassen mußte, nicht von einem speckigen, braunen Lederboxhandschuh erschlagen zu werden, in dem der Haustürschlüssel verborgen war und mit dem man von oben, im Blindflug quasi, die drei Stockwerke tiefer wartenden Einzulassenden bewarf. Noch heute kann ich mich daran erinnern, wie es sich anfühlte, mit meinen Kinderhänden tief im Inneren des Handschuhs nach dem Schlüssel zu tasten, den aufzuheben und herauszuholen stets meine Aufgabe war. Die Gegensprechanlage und die Gastherme sind allerdings die einzige Reminiszenz an die Neuzeit. Die Wohnung meiner Oma, unter dem Dach eines Gründerzeithauses in Coburg, ist seit dem Krieg nahezu unverändert. Noch immer hat sie kein Bad und wäscht sich in der Küche am Waschbecken, ihr Geschirr aber in zwei Emailleschüsseln, die bei Bedarf durch eine 180° Drehung unter dem Küchentisch hervor geschraubt werden. Das Klo ist auf dem Gang, in dessen Dielen die Melodie ungezählter Schritte gespeichert ist.

Alle in unserer Familie sind klein. 1,80 kommt schon mal vor, gilt aber eher als aus der Art geschlagen. Heute, dem altersbedingten Schrumpfungsprozeß unterworfen, ist meine Oma nur mehr winzig zu nennen. Ich tippe auf 1,45 m. Ein Vögelchen. Ganz vorsichtig muß ich sie drücken, meine rechte Hand greift ihre Hand mit den tipptopp gefeilten Nägeln, während ich meine Wange an ihrer reibe und mit dem anderen Arm vorsichtig zudrücke. Dabei sage ich "Ommale! Hallo!", rieche ihre leichte Cognacfahne und sie sagt "Achgott, Kindele!". Seit Jahren. Habe ich ihren Urenkel dabei, beugt sie sich kaum merklich zu ihm hinunter, läßt eine Kinderhand in ihren zwei Händen verschwinden und sagt "Mein Bübele! Hallo!"

Dann betreten wir die seit über 60 Jahren gleich möblierte Wohnküche, in der vor längerer Zeit das soziale Leben einer 7-köpfigen Familie samt derer Derivate und Freunde stattfand. Jeder wurde aufgenommen, jeder gehörte sofort zur Familie, "es war immer was los", wie meine Oma heute noch schwärmt. In dieser Wohnküche wurde in den Spätsechzigern testhalber ein zuvor erworbenes Zelt aufgebaut, bevor einTeil der Familie im VW-Bus nach Jugoslawien fuhr. Weil man ja nicht alle Tage in der Küche ein Zelt aufbaut, wurde das gleich gefeiert. Irgendein Spaßvogel hat dann noch dem schlafenden Vater ("die Genußbremse"), der sich bei solchen Aktivitäten oft frühzeitig zurückzog, während meine Oma immer bis Ultimo mitfeierte, am Bett rechts und links der Füße zwei brennende Kerzen aufgestellt, die später mit den empörten Worten "Noch bin ich nicht tot" in die Küche zurückgeschleudert wurden. Überhaupt wurde immer gefeiert, egal was.

Wir setzen uns an den bereits gedeckten Kaffeetisch und ich packe die mitgebrachten Kuchenstücke aus ("Kindele, nur ein halbes Stück, Du weißt ja..."). Klar, weiß ich. Meine Oma ißt in der Woche ca. 1 Scheibe Brot, das muß man berücksichtigen. Dann werden die Umschläge auf den Tisch gelegt. Seit Jahren verschenkt sie zu Geburtstagen und zu Weihnachten Geld an die Enkel, aber seit sie mal im Fernsehen bei "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" vor sog. Briefkastenräubern gewarnt wurde, muß man sich die Umschläge persönlich abholen, die, solange bis man kommt, auf der Eckbank deponiert werden. Früher gab es pro Einheit 50 DM, jetzt, mit der Währungsumstellung, kam natürlich Verunsicherung auf, so daß ich letztens einen 50 Euro Schein vorfand ("Ommale, nicht doch!!"). Meine Oma ist nämlich ziemlich arm, wäre die Miete nicht so billig, könnte sie einpacken.

Der Kuchen ist heruntergewürgt, eine "Fair Play" wird angesteckt. Sie raucht seit ihrem 18. Lebensjahr und wird von den Rauchern in unserer Familie natürlich immer als lebendes Beispiel für die Unbedenklichkeit des Rauchens angeführt. Dann holt sie sich ein Konjäckchen. 'Diplomat' von Aldi, der schmeckt ihr angeblich besser als echter, französischer. Es gab vor ein paar Jahren mal ein Weihnachtsfest, an dem sie von der ganzen Verwandtschaft unabgesprochen entweder mit Cognac oder Zigaretten beschenkt wurde. Bis zur 3. Flasche fand sie es noch lustig, danach wurde es ihr leicht peinlich. Es gibt davon noch ein Foto, auf dem sie auf einem Stuhl sitzend zu sehen ist, umgeben von 7 Flaschen und etlichen Stangen Marlboro. Das Jahr drauf gab es dann nichts von Alledem, weil jeder vom Anderen dachte, daß Derjenige schon für Nachschub sorgen würde. Das war ihr dann auch wieder nicht recht.

Wenn ich will, kann ich nun durch Einwerfen verschiedener Reiz- oder Stichwörter die ganzen alten Geschichten aus ihr herauskitzeln, z. B. wie sie, gerade 18-jährig, mit ihrer Schwester Elsbeth nach Berlin zur Olympiade fuhr, wie sie mehrfach Adolf Hitler in Coburg zujubelte ("Der hat uns alle verhext! Das kannst Du Dir gar nicht vorstellen."), sie 1939 auf der Veste heiratete, die erste und letzte Trauung dort, weil dann der Krieg ausbrach, wie sie, nach den jeweiligen Fronturlauben meinem Opa zwei Söhne gebar und sie bei Fliegeralarm beinahe jede Nacht mit 2 Kindern und dem Koffer mit dem Nötigsten am Arm vom 3. Stock in den Keller rannte. Als ihr Mann dann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, fand er seinen dritten Sohn vor. Danach kam ein Vierter. Dann meine Lieblingstante, ganz spät und ungewollt, da war sie schon 43. Berichtet wird dann weiterhin von der weißen-Mäuse-Zucht auf den Hängeschränken über der Eckbank, die sich wegen Inzucht leider nicht als das erhoffte lukrative Nebeneinkommen erwies, von den legendären Schrebergartenfesten um das heute denkmalgeschützte Gartenhaus, was ihr Großvater Anfang des 20. Jahrhunderts mit eigenen Händen gebaut hatte, davon, wie sie und ihre Tochter mit vereinten Kräften meinem Opa die Autoschlüssel entrissen, der, obwohl er an schlechten Tagen bereits die Kassiererinnen im Supermarkt wahlweise mit "Heil Hitler" oder per Handkuß begrüßte, partout das Steuer nicht aus der Hand geben wollte, überhaupt von ihrer ganzen Plage mit dem verkalkten, der oftmals mehrere Zigaretten an verschiedenen Plätzen brennen hatte und der sich zu guter Letzt selbst in Brand steckte, aber noch rechtzeitig gelöscht werden konnte, der sie keinen Schritt mehr alleine tun ließ, ihr sogar auf das Klo folgte und zum Schluß seine eigenen Kinder nicht mehr erkannte.

Meine Oma ist die Sorte älterer Frau, die man gelegentlich mit einer großen Handtasche am Arm an einem Geldspielautomaten stehend vorfindet, eine Zockerin. Hätte sie Gelegenheit dazu, wäre sie bestimmt spielsüchtig. Sie kompensiert das mit wöchentlichem Lottospiel und zwar schon seit es Lotto überhaupt gibt. Dabei tippt sie immer die Lebensdaten ihrer Kinder und Enkelkinder, schon seit Jahrzehnten. Das verhindert natürlich den Ausstieg, weil sie die Zahlen immer im Kopf hat und sie automatisch vergleicht. Was, wenn dann der 6er käme? Unverzeihlich! Zumindest die Glücksspirale (10.000 Mark, Monat für Monat, Jahr für Jahr oder so ähnlich), konnte ihr meine Tante kürzlich ausreden. Der einfache Satz, daß sie nun schon 84 sei und der Gewinn nicht übertragbar, reichte aus. Das überschüssige Geld wird nun in Witwentrost angelegt.

Obwohl sie sich, wie so viele Menschen, ihre Sichtweise durch das Anschauen realitätsverzerrender Fernsehsendungen und das Lesen der falschen Zeitungen verbiegen läßt, und daher der Meinung ist, daß die Welt, in der wir heute leben eine sehr viel schlechtere als die frühere ist, hat sie mich kürzlich doch mal wieder überrascht. Ich hatte ihr erzählt, daß ich meinen Freund über Computer "im Internet" kennengelernt habe. Statt eines entsetzten Aufschreis, welchen ich schon aus vielen Mündern erheblich Jüngerer vernommen hatte, nahm sie einfach nur meine Hand, drückte sie fest und wünschte uns viel, viel Glück.

Oma mit Urenkel im Jahr 2000

Dienstag, 5. Juni 2007

...

Immer noch Bloghemmung.

Unser Freund hat in seinem Testament bestimmt, dass jeder seiner Freunde aus seiner Wohnung nehmen solle, was er möchte. So eine Aufforderung lähmt mich völlig, bzw. es ist sowieso schon klar, dass ich nichts nehmen kann. Dennoch fiel mir gestern Nacht ein, dass es zwischen uns ein Ritual gab. Wenn ich bei ihm zuhause war, trat ich vor sein Bücherregal und holte Gogols "Tote Seelen" hervor. Exakt die gleiche Ausgabe hatte ich nämlich auch besessen, sie war mir aber abhanden gekommen. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass ich die mal meinem Freund geliehen, sie dann aber nicht mehr zurück bekommen hatte. So entstand dann jedesmal spaßeshalber ein kleines Gerangel um dieses Buch, zweiflesfrei eines unserer beider Lieblingsbücher, und ich behauptete, rechtmäßiger Eigentümer zu sein, er aber nur Besitzer dieses Werkes. Das ging dann immer so hin und her, bis ich es augenrollend ins Regal zurückschob.
Vielleicht werde ich mir "mein" Buch nun zurück holen.

Montag, 4. Juni 2007

Herz V

(Die Nacht in Berlin irgendwo in der Anklamer Straße war sehr kurz. Wie immer, wenn ich woanders liegen muss, kann ich erstmal nicht schlafen. Das Prinzessin auf der Erbse Syndrom. Gegen 7 Uhr morgens dämmere ich kurz weg, drei Stunden später sitzen wir schon vor dem "Weltempfänger" und frühstücken. Um uns herum zugereiste Berlinpaare mit gefühlten 347 Kindern. Achja, Mitte. Soll ja jetzt die Gegend in Berlin sein, in der diese zugereisten Berlinpaare ihre Eier legen. Wie immer kann ich mit dieser Stadt nichts anfangen. Zu laut, zu schnell, zu alles, was meinem Nervenkostüm auf Dauer nur Schaden zufügen würde. Dass man mit dieser Stadt nichts anfangen kann, darf man aber vor diesen, aus der Provinz angereisten Menschen, keinesfalls erwähnen. Außer man möchte mitleidig belächelt werden, dann natürlich schon. Schon am Abend zuvor, als wir in einem Hinterhof in der Schönhauser Allee bei einem meiner zahlreichen provinzflüchtigen Bekannten um ein Lagerfeuer saßen, durfte ich mir wieder anhören, wie toll und multikulti das hier alles sei und dass man sich ja keinesfalls ein Leben ohne dieses Berlin mehr vorstellen möchte. Im Laufe des Abends dann aber dennoch Bedenken seitens der bekinderten Fraktion. Jaaa, es gebe ja schon hübsche, auch durchaus sehr preiswerte Anwesen im Berliner Umland, aber die Glatzen da! Jaja, schlimm, das. Und dann, in welche Schule wird man sein Kind in 5 Jahren wohl noch schicken können? Alles recht brennende Fragen. Multikulti scheint ja wunderbar, solange die eigenen Kinder nicht damit die Schulbank drücken müssen, so lerne ich an diesem Abend.)

Am Sonntag um die Mittagszeit laufen wir also wieder durch den Park der Virchow Kliniken zur Intensivstation. Die Choreogaphie mit den Kitteln in der Schleuse ist uns nun bekannt, wir stehen bereit, als uns eine Pflegerin abholt. Bevor wir ins Zimmer dürfen, klärt sie uns auf, wie schlecht es um unseren Freund steht. Immer wieder sind wir verwundert über die Offenheit des Personals, denn immerhin sind wir ja keine direkten Verwandten. Seit der Transplantation mache Herr K. einen Schritt vor und 2 zurück. Auf was das hinauslaufe wisse man ja - es gäbe faktisch nur Rückschritte. Gerade heute ginge es ihm besonders schlecht, er sei überhaupt nicht ansprechbar. Als wir dann neben seinem Bett stehen sehen wir was sie meinte. Wo gestern noch deutliche Anzeichen von Leben war, scheint heute alles Lebendige von ihm gewichen. Sein Gesicht ist wächsern und im oberen Drittel gelblich, die Nase spitz, nach unten zu verläuft die Hautfarbe in ein bläuliches Rot. Hier liegt keiner mehr, der auch noch im Entferntesten beseelt scheint, hier liegt die Hülle unseres Freundes, dessen Seele sich irgendwann in den Stunden zuvor von seinem Leib getrennt hatte, und obwohl die Maschinen sämtliche Körperfunktionen aufrecht erhielten, spürten wir deutlich, dass wir unseren Freund gestern zum letzten Mal lebend gesehen hatten. Ganze fünf Tage nach unserer Abreise hielten die Ärzte diesen Zustand noch aufrecht. Dann gaben sie dem steten Drängen der Eltern nach und schalteten die Maschinen ab.

Sonntag, 3. Juni 2007

Herz IV

Nach zwei Stunden am Intensivbett sind wir am Ende. Die Arme unseres Freundes sind durch das melken nur unmerklich dünner geworden und jetzt, da wir sie los gelassen haben, werden sie sich sehr bald wieder mit Wasser füllen. Zwischenzeitlich kam mal eine Ärztin herein. Bemerkenswert die Tatsache, dass sie weder an sein Bett herantrat noch irgendwie sonst in Kontakt mit unserem Freund kam. Nicht einmal einen Blick hat sie auf ihn geworfen, ich schwöre. Als wären wir nicht da, trat sie sofort in einen Dialog mit dem Pfleger, aus dem hervor ging, dass sie mit der Medikamentierung des Herrn K. nicht einverstanden sei. Von diesem Mittel brauche er mehr, jene Dosis müsse ebenfalls erhöht werden. Ihr genügte dabei ein Blick auf den Monitor, um mit geschultem Auge herauszufinden, dass der Arzt aus der Schicht vorher ihre Therapie scheinbar geändert hatte. Dem Einwand des Pflegers, Herr K. wäre mit der Dosis an blutdruckhebenden Medikamenten schon längst an die Grenze des Aushaltbaren gekommen, wurde lapidar entgegen gehalten: "Dann müssen wir halt wieder mehr sedieren." Schon war sie auch wieder weg. Während der Pfleger die Anweisungen der Ärztin umsetzt, müssen wir uns anhören, was er im Grunde von dem ganzen Laden hier hält. Kein Blatt nimmt er sich vor den Mund und meine Freundin und ich sind bass erstaunt, was dieser Mensch alles so von sich gibt. Erstaunlich auch sein Statement, dass hier jeder Arzt sich mit einer anderen Therapie am Patienten profilieren möchte. So komme es immer wieder vor, dass ein Patient jeden Tag eine andere, manchmal völlig gegensätzliche Medikamentierung bekomme. Gut sei das ja wohl nicht, oder? So und noch anders spricht er, lässt eine Menge Frust ab, uns sprachlos zurück und wir unseren Freund. Am nächsten Tag werden wir noch einmal kommen, bevor wir wieder zurück nach B. fahren, das sagen wir ihm noch zum Abschied.

Dienstag, 29. Mai 2007

Herz III

Schwierig ist es, so ins Nichts zu sprechen, fast ausgeschlossen. Ich warte darauf, dass meine Freundin etwas sagt. Doch von der anderen Seite des Bettes auch nur hilfloses Schweigen. Irgendwann gebe ich es auf mich unter Druck zu setzen, nur um irgendetwas zu sagen. Meine Blicke schweifen ab. Ich schwitze und spüre, wie mir das Rinnsal über den Rücken in die Ritze meines Hinterns läuft. Hier ist es wie in einer Raumstation. Überall Monitore, auf denen Kurven und Zahlen stehen, die ich nicht deuten kann. Ich zähle 8 Kartuschen mit Medikamenten, die maschinell zugeführt werden. Aus dem Freund heraus und in den Freund hinein führen etliche Schläuche mit Flüssigkeiten. Unterhalb des Kehlkopfes der Tubus, durch den er beatmet wird. Das gibt ein fauchendes Geräusch. Der Brustkasten hebt und senkt sich rhythmisch, ab und an ein Warnton aus dem Computer. In sein Bett hinein, am Fußende, läuft ein dicker Flexschlauch, der die Matratze aufbläst, damit er sich nicht wundliegt. Neben meiner Freundin eine Apparatur, die "LUCY" heißt. Das ist die künstliche Niere. Darunter ein großer Beutel mit klarem, daneben ein großer Beutel mit gelblichem Inhalt. "LUCY" hilft uns, ein Gespräch anzufangen. Meine Freundin erzählt, dass eine gewisse "LUCY" hier seine Nieren wasche. "Die alte Schlampe", setze ich hinterher.
Langsam kommen wir in Fahrt. Können Grüße ausrichten, ihm sagen, wie sehr wir ihn in B. vermissen. Er zwinkert, mit beiden Augen. Er hat uns wohl verstanden! Ein paar Mal noch, in diesen zwei Stunden, in denen wir an seiner Seite stehen, wird er uns anzwinkern. Auch eine Träne wird aus seinem Auge laufen. Warum er plötzlich weinte, weiß ich jetzt nicht mehr. Vielleicht hat meine Freundin ihm erzählt wie schön es wäre, bald wieder mit ihm in B. zu sein?

Dienstag, 22. Mai 2007

Herz II

In Köckern-Ost also eine Bockwurst, so will es die Tradition. Das Ritual, vom Freund eingeführt, nie hinterfragt, kritiklos übernommen, so auch heute. Über den Avus rutscht man praktisch bis vor die Virchow-Kliniken. Das, was in meiner Vorstellung im Inneren dieser Anlagen stattfindet, steht im krassen Gegensatz zur Gediegenheit der Architektur. In der Phase der Rekonvaleszenz mit Buch oder Besuch unter den Bäumen auf einer dieser weißen Bänke sitzen, das stelle ich mir sehr schön vor. Und tatsächlich laufen wir an dem einen oder anderen Patienten vorbei, der genau das tut. Einige haben Ständer mit technischem Gerät neben sich stehen, oder zumindest einen Tropf. Endlich vor der Intensiv angekommen müssen wir klingeln. Noch völlig unerfahren lassen wir uns von anderen Besuchern einweisen. Hier die hellblauen, papiernen Hygienekittel, da Ablage für Garderobe. "Die Wertsachen nehmen Sie besser mit rein". Kann man sich Leute vorstellen, die unter diesen Umständen klauen?

Ein Pfleger schleust uns ein. Kurz wird nachgefragt wer wir seien, man hätte uns hier noch gar nicht gesehen. Freunde aus B.? Herr K. bekomme wirklich viel Besuch. "Das ist schön!" Vor der Glastür zum Zimmer bleibt er stehen. Er informiert uns über den Zustand unseres Freundes (sehr schlecht), dass er zwar sediert sei, dennoch partiell aufnahmefähig. Über seine Schulter hinweg erhasche ich einen ersten Blick auf ihn. Der Pfleger händigt uns noch Mundschutz und Hauben aus und zeigt wo wir uns die Hände desinfizieren können. Schon stehen wir im Zimmer, es war gar keine Zeit, sich groß aufzuregen oder Angst zu bekommen, da wir schon vor dem Bett stehen und schlagartig mit dem Anblick konfrontiert werden. Der Pfleger packt uns die Arme unseres Freundes aus und zeigt uns, wie wir das Wasser herausmassieren können ("als würden Sie melken"), das würde dem Freund sehr helfen, einfach von den Fingerspitzen abwärts streichen, nach einer Zeit würde das dann dünner. Ganz viel erzählt der Pfleger noch, während er schon wieder an einer der Tastaturen steht und den Computer neben dem Bett bedient, den Blick starr auf einen der Monitore gerichtet. Erzählen sollen wir, aber bitte keine Fragen stellen, der Patient könne eh nicht antworten. Und immer in Richtung Ohren sprechen, damit das auch ankomme. Durch die Sedierung seien auch die Sinne eingeschränkt, außerdem befinde sich Wasser im Ohr. Beiderseitiges Augenzwinkern signalisiere Verstehen. Sollte uns schlecht werden, dann bitte gleich rausgehen und hinsetzten. Einen Schluck Wasser trinken, durchatmen.

So stehen wir also da, rechts und links vom Bett, jede "melkt" eine dicke Hand und wissen nicht, wie anfangen mit dem Reden. Der Pfleger stört uns irgendwie dabei, außerdem drückt der Kloß im Hals und aus meiner Nase laufen Tränen. Noch kann ich nicht sprechen.

Samstag, 19. Mai 2007

Herz I

In wenigen Stunden werde ich in Berlin einen sehr guten, alten Freund wiedersehen. Kurz vor der Fahrt dahin, in der Nacht zuvor bzw. seit der Entschluss fest steht heute zu fahren, mache ich mir unablässig Gedanken über die Begegnung. Er weiß gar nicht, dass ich komme. Wird er mich erkennen? Wie wird er darauf reagieren? Wird er überhaupt reagieren? Was wird das in mir anrichten, der Anblick seiner Hilflosigkeit? Wie sieht er überhaupt aus, jetzt, nach der Transplantation, die 22 Stunden dauerte und nach Angaben der Ärtze "nicht optimal" verlaufen ist, auf dem schmalen Sims zwischen Leben und Tod balancierend? Noch gestern früh wusste keiner, ob er die nächsten Stunden überstehen wird, denn erst versagten die Nieren, jetzt zickt die Leber. Zwischendrin noch eine Operation am Darm (Anus praeter?), dazu das neue Herz, was nicht von alleine schlagen möchte.

Ich habe Bilder im Kopf, deren Zutreffen ich nachher überprüfen werde. Ich weiß, dass er beatmet wird, dass seine Augen unkontrolliert rollen und dass er ohne Anschluss an die Maschinen binnen kürzester Zeit sterben muss. Ich weiß auch, dass mir das Herz, kurz bevor ich an sein Bett trete, bis zum Hals klopfen wird, schon jetzt bekomme ich beim Gedanken daran feuchte Handflächen. Wahrscheinlich werde ich nichts sagen können.

Als ich mich vorhin anzog, dachte ich nur: nimm was Billiges, Neutrales, was du hinterher getrost wegschmeißen kannst. Denn damals, am Sterbebett meines Vaters, trug ich unglücklicher Weise meinen Lieblingspulli. Jedes Mal, wenn ich ihn wieder anzog, musste ich daran denken, dass ich diesen Pulli an hatte, als ich meinem Vater zum letzten Mal die Hand hielt. Der Pullover und dieses Bild waren nicht mehr voneinander zu trennen, ich musste ihn wegschmeißen. Dass mir jetzt solche banalen Dinge durch den Kopf gehen, macht mir heute nichts mehr aus. Das Leben ist wohl einfach so. Banal, schrecklich und dazwischen gehts mal so.

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