Da sitzt man am Küchentisch bei einer Pizza Toscana, gegenüber der Sohn, der aufgrund der fädenziehenden Käsemassen isst wie ein Schwein, man überlegt gerade, ob man die Kraft für eine Rüge hat ("bitte, jetzt, ja?!") und schon springt er auf, ein eigentümliches, kümmerliches Würgen aus der Kehle, ein letzter Versuch, mit einem Schluck Wasser den zähen Käsebrocken da im Schlund abwärts zu bewegen schlägt fehl, voller Panik also wird sich würgend und bereits rotgesichtig an die Mutter gewandt, die selbst nur noch reflexartig zu reagieren in der Lage ist, den Sohn von hinten packt, ihn vornüberbeugt, mit dem Kopf nach unten, und mit der Faust gegen den Bauch drückt, warum, weiß sie selbst nicht so genau, vielleicht hat sie das ja irgendwann mal irgendwo gesehen. Erst über der Kloschüssel löst sich der ganze Batzen und das Kind signalisiert kauend, dass nun alles wieder in Ordnung sei, es wieder durchschnaufen könne.
Auf dem Weg zum Klo aber 1001 Szenarien im Kopf, was zu tun sei, wenn nicht geholfen werden kann. !Notarzt!, wo, wie, welche Nummer jetzt, dauert doch eh viel zu lange, eher doch die Feuerwehr oder lieber gleich auf die Straße und um Hilfe schreien, das blau angelaufene Kind hinterherziehend?
MERDE!
Danach vibrierend und schlagartig um 10 Jahre gealtert am Küchentisch sitzen und feststellen, dass die Pizza nun nicht mehr schmeckt, weder mir noch dem Kind. Später, das Kind ist schon fort zum Sport, bei Recherche im Netz auf den
Heimlich Handgriff stoßen. Das nächste Mal zumindest theoretisch gewappnet sein.
Frau Rossi - 10. Okt, 14:18
Im Supermarkt an der Kasse vor mir drei raue Burschen. Sie sehen osteuropäisch aus, von der Art sich zu kleiden angefangen über die breiten und flachen Hinterköpfe bis hin zu den Frisuren, die so recht keine sind. Zwei von ihnen tragen das eigentlich volle Haar auf gleichmäßige 6mm geschoren, der dritte, mit dem interessanten Gesicht, hat schulterlanges blondgestreiftes Haar, was ihm in fettigen Strähnen um den Kopf hängt. Kann auch sein, dass es einfach nur nass ist, denn draußen regnet es schon den ganzen Tag. Ein Blick auf die Hände der drei sagt mir, dass sie wohl hart arbeiten müssen, so schwielig und dunkel sind sie. Eine einfache Wäsche reicht da nicht. Solche Hände verlangen nach sandiger Paste und Terpentin. Im gleichen Moment stelle ich mir vor, wie sie sich wohl auf weicher Frauenhaut anfühlen mögen - wie Greifwerkzeuge, die ungelenk drängend mal hierhin und mal dorthin grabschen. Die Vorstellung ist wenig erfreulich, deshalb richte ich meinen Blick lieber auf die Ware, die vom Band in den Einkaufswagen wandert. Drei Fläschchen Spaßgetränk (Wodka mit Tropensaft gemischt - fürr Vitaminäh, värrschtehst!), drei 5er-Packungen Boonenkamp Magenbitter, ein Rotkohl, ein Pfund Mehl, Reis, Öl. In meinem Kopf versuche ich ein Rezept für diese Zutaten zu entwerfen, während einer der drei versucht, mit mir Blickkontakt aufzunehmen. Ein Kasseanstehflirt, flüchtig wie Benzindampf und überflüssig wie ein Kropf. Wie in einem Kaurismäkifilm sehe ich die drei abends in ihrem Wohncontainer sitzen, vor sich ein Kohlgericht, um sich Dämpfe aus Alkohol, Nikotin und scharfem Männerschweiß. Am Tag arbeiten sie hart für 4,50 Euren in der Stunde, in der Nacht kommt die Einsamkeit und das Heimweh, ganz für umsonst. Kein sehr angenehmes Leben, so oberflächlich betrachtet. Aber vielleicht ist ja auch alles ganz anders, denn was weiß ich schon vom Leben des Fremdarbeiters, alles nur Vermutungen, und die reichen nicht aus.
Frau Rossi - 27. Sep, 18:35
Im Juli des Jahres 2000 starb mein Vater. Meine Eltern sind seit meinem 5. Lebensjahr nicht mehr zusammen und so hatte ich selten Gelegenheit, ihn zu sehen. Mit 19 lernte ich ihn, der aus beruflichen Gründen immer im Ausland wohnte, dann näher kennen, als ich ihn für mehrere Monate in Birma besuchte. Unsere Annäherung aneinander verlief nicht unproblematisch und auch nachfolgende Besuche konnten unser Verhältnis nicht dauerhaft vertiefen. Er, der notorische Zyniker, blieb mir seltsam fremd und fern und ich ihm wahrscheinlich ebenso.
Ein paar Monate zuvor also erfuhr ich, dass er an Rachenkrebs erkrankt war. Krebs, der auf den Schleimhäuten entsteht, ist ein sehr aggressiver und schnell wuchernder, die Heilungschancen liegen bei unter 10 %. Damals arbeitete er in Bangkok, wo er sich auch behandeln ließ, und nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich alsbald ein Rezidiv, vielleicht auch deshalb, weil mein Vater seinen Plan, sich mit täglich Alkohol und reichlich Zigaretten weiterhin zugrunde zu richten, nicht wirklich aufgeben wollte und konnte.
Er schrieb mir, dass er mit seiner 2. Frau, einer Birmanin, nun beabsichtige, nach Deutschland zurückzukehren und sich in seiner Geburtsstadt eine Wohnung zu nehmen. "Er kommt zum Sterben nach Hause" schoss es mir da sofort durch den Kopf. Eine Wiederbegegnung nach einem Jahr stand an. Man hatte mich gewarnt. "Your Papa looks not the same as you know him", sagte mir seine Frau in ihrem speziellen Englisch am Telefon, "he gave birth to his 15 years old baby!" Das bezog sich auf seinen unglaublichen, stets trommelartig geblähten Bierbauch, den er seit Jahren, alle Schwangeren verhöhnend, vor sich hertrug. Trotzdem erschrak ich mächtig. Der Krebs hatte ein dreiviertel Jahr an ihm gefressen und schien kaum noch etwas übrig gelassen zu haben. Er hatte über 30 Kilo abgenommen, bei einer Größe von 1,70 m. Er habe nun sein Kampfgewicht erreicht, meinte er in seiner lakonischen Art, als er merkte, wie ich ihn erschreckt musterte.
Der Umzug wurde organisiert, man wartete auf den Container aus Übersee. Die Wochen verstrichen, in denen ich so oft wie möglich die 50 km nach C. fuhr, meinen Sohn mitnehmend, damit er seinen Opa noch ein wenig kennenlernen konnte. Immer wieder musste er für ein paar Tage oder länger ins Krankenhaus, wo ihm entweder eine Magensonde gelegt wurde, weil die Schmerzen die Nahrungsaufnahme auf normalem Wege nicht mehr zuließen, oder er sich einer weiteren, sinnlosen Chemotherapie unterzog. War er zuhause, saß er "zum Essen" am Wohnzimmertisch, an der Lampe war der Beutel mit der Astronautennahrung aufgehängt, die über einen Schlauch direkt in seinen Bauch geleitet wurde, in seiner dürren, faltigen Hand die obligatorische Zigarette.
Das Sprechen fiel ihm schwer. Er konnte nur noch leise und unter enormen Schmerzen kurze Sätze von sich geben und meist verstand man ihn dann trotzdem nicht. Aber kaum einer wagte es, öfter als ein Mal nachzufragen, weil es einem selbst wehtat, wenn man sah, was für eine Anstrengung das Sprechen für ihn bedeutete. Er könne nun Essen und Rauchen zugleich, das war so ziemlich der letzte Scherz, den er auf seine Kosten machte, bzw. den ich verstehen konnte. Er hatte jetzt immer einen Schreibblock vor sich liegen, auf den er mit seiner schönen Handschrift die wichtigsten Sätze notierte. Um zumindest phasenweise eine gewisse Schmerzfreiheit zu erreichen, beklebte er seinen Körper mit Morphiumpflaster in Maximaldosierung, was ihn öfter mal in Dämmerzustände versetzte, in denen man ihn nicht mehr erreichen konnte.
Ich befand mich in einem seltsamen Zwiespalt. Einerseits war mir klar, dass die Zeit mit meinem Vater nun zu Ende ging, ohne dass wir uns jemals richtig nahegekommen wären. Dann nahm ich mir vor jedem Besuch vor, gewisse Dinge anzusprechen, die mir wichtig erschienen und über die ich noch Klarheit erlangen wollte, bevor alles vorbei sein sollte. Allein es fehlte mir jedesmal der Mut, diese Dinge anzusprechen. Irgendwie schienen sie auch nicht mehr so wichtig, in Anbetracht des fortschreitenden Verfalls meines Vaters. Alles in Allem aber war ich zu feige. Aber seinem Tod wollte ich mich stellen, das hatte ich mir vorgenommen. Er wäre der erste Mensch, den ich würde sterben sehen.
Kurz darauf musste er wieder ins Krankenhaus und es war klar, dass es der letzte Umzug sein würde. Wenn man das Krankenzimmer betrat, verschlug es einem jedesmal den Atem, derart beißend war der Geruch, der von ihm, dem am lebendigen Leibe Verfaulenden, ausging. Dort saß er anfänglich noch an seinem Tisch, vor sich aufgeschlagen sein Lieblingsbuch, in das er unablässig starrte, ohne je eine Zeile zu lesen. Ich saß ihm gegenüber, sah ihm beim Starren zu und bei seinen verzweifelten Versuchen, eine Seite umzublättern. Ab und an tauchte er aus seinen Dämmerzuständen auf und dann musste ich mit ihm auf den Balkon, ihm eine Zigarette anzünden, die er sich in mechanisch ausgeführten Bewegungen immer wieder an die Lippen hielt, zu schwach, um daran zu ziehen.
Zwei Tage später hatte er, der mittlerweile auf 43 kg abgemagert war, bereits keine Kraft mehr das Bett zu verlassen. So lag er da. In seiner Lunge hatte sich eine Menge Schleim gesammelt, der ihm von einer Schwester zwar regelmäßig abgesaugt wurde, ihn aber beim Atmen sehr behinderte. Jeder Atemzug erschien wie eine wahnwitzige Kraftanstrengung, die den ausgemergelten Körper auf und nieder hob. Allein dieses geräuschvolle, angestrengte Atmen meines Vaters zu ertragen, ging enorm an die Substanz.
Es war an einem Montag Mittag, ich war gerade wieder nach C. gefahren und saß bei meiner Tante (seiner einzigen Schwester, der "Lieblingsschwester", wie er in gesunden Tagen immer wieder betonte), trank noch einen Kaffee mit ihr, bevor wir zum Krankenhaus aufbrechen wollten, als sie einen Anruf von dort erhielt. Eine Schwester war am Apparat die sagte, wir sollten sofort kommen, es sei nun soweit. Ich sah in das erschreckte Gesicht meiner Tante und sah dort doch nur mein eigenes erschrecktes Gesicht, denn wenngleich das Sterben meines Vaters ein absehbares, sogar herbeigewünschtes war, so kam die Nachricht, dass es nun soweit sei, wie ein Schlag in den Nacken. Meine Tante und ich befanden uns in einem totalen Zustand der Angst. Weder sie noch ich hatten je zuvor Vergleichbares erlebt und wir wussten nicht, wie wir das überstehen würden.
Als wir ankamen waren um sein Bett schon einige Leute aus dem nahen Freundes- und Verwandtschaftskreis versammelt. Seine Frau stand am Kopfende des Bettes. In der einen Hand hielt sie ein Glas mit Wasser und ein kleines Heftchen, aus dem sie monoton Sätze ablas, die dort in birmanischer, brezelhaft anmutender Schrift gedruckt waren. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand befeuchtete sie dann und wann die trockenen Lippen meines Vaters. Sie bedeutete meiner Tante und mir, zu beiden Seiten des Sterbenden Platz zu nehmen und befahl uns beinahe, mit ihm zu reden, immer wieder verlangte sie das, und verlangte gerade das Schwerste, denn ich sah mich außerstande mehr zu meinem Vater zu sagen, als dass ich nun da sei, "Pipa, ich bin da, deine Tochter ist da!" Zu mehr langte es bei mir nicht und ich gab es bald auf, in meinem leeren Hirnkasten nach irgendwelchen Sätzen zu suchen, die mir dann doch nicht angemessen erscheinen würden.
Meine Tante sagte gar nichts. Stattdessen nahmen wir jeder eine Hand, die wir nun über Stunden hinweg nicht mehr loslassen sollten. Die Hand war merkwürdig heiß, so wie der ganze Vater bis hinab zu den Füßen eigenartig zu glühen schien, was ich eigentlich nicht erwartet hatte. Er hatte seine Augen geschlossen und schien, rein äußerlich, nichts wahrzunehmen, war völlig damit beschäftigt, in seine verschleimten Lungenflügel ein wenig Luft hineinzusaugen. Dieses saugend-ziehende Geräusch und das gleichmäßige Murmeln seiner Frau waren eine Zeit lang das einzig Hörbare im Raum. Es war wahnsinnig heiß, der Geruch kaum auszuhalten. Nach ungefähr einer Stunde fiel uns ein, dass meine Oma ja noch gar nichts vom akuten Zustand ihres Sohnes wusste und wir diskutierten kurz, ob wir sie, die eigentlich seit Monaten das Haus nicht mehr verlassen hatte, dazu holen sollten oder nicht. Ich setzte mich schließlich gegen meinen Onkel durch und meinte, dass es wohl der Wahnsinn sei, sie nicht zu holen, schließlich sei das ihr Sohn, auch noch der am meisten geliebte. Mein Onkel Jo zog nun ab, die Oma zu holen, wobei uns allen wirklich vor dem Moment graute, an dem die Mutter am Sterbebett ihres Sohnes eintreffen würde.
Es war aber in der Tat so, dass meine Oma, wenngleich weinend, von uns allen noch am ehesten in der Lage war, sich meinem Vater anzunähern. Immer wieder bedeckte sie sein Gesicht und seine Hände mit Küssen und ganz natürlich schienen ihr immer wieder Worte einzufallen, nach denen ich so verzweifelt gesucht hatte. Auch mein Vater schien durch ihre Nähe ruhiger geworden. Seine Atemfrequenz senkte sich und ich konnte spüren, wie die fieberheiße Hand kälter wurde.
Seit dem Eintreffen meiner Oma waren nun weitere Stunden vergangen, ohne dass sich der Zustand meines Vaters in irgendeiner Weise verändert hatte. Die Agonie hielt an und ab und zu betrat eine Schwester oder ein Pfleger das Zimmer, um einen kurzen Blick auf ihn zu werfen. Meine Oma war nun völlig entkräftet und sagte, sie wolle eine Pause machen, um auf dem Balkon eine zu rauchen. Diese vielleicht zehn Minuten dauernde Abwesenheit seiner Mutter nutzte mein Vater um zu sterben.
Mir war plötzlich aufgefallen, wie still es im Zimmer war. Das angestrengte Röcheln war einem völlig ruhigen und gleichmäßigen Atmen gewichen und das Gesicht meines Vaters, was er die ganze Zeit meiner, auf der anderen Seite des Bettes sitzenden Tante zugewandt hatte, sah zwar entspannter, dafür aber auch bläulich und eingefallen aus, Hände und Füße wurden zunehmend kälter. In dem Moment kam seine Frau von der Toilette zurück und ich sagte zu ihr, dass sich irgendwas verändert habe, irgendwas würde jetzt passieren. Sie meinte nur "I see, I see", wollte aber nicht mehr an das Bett ihres Mannes zurück. Sie, die vorher ununterbrochen an seiner Seite gestanden war, hatte nun nicht mehr die Kraft, diese letzten Minuten bei ihm zu bleiben und zog sich in eine Ecke des Zimmers zurück.
Die plötzliche Stille war unheimlich. Jeder starrte auf meinen Vater. Der Tod schien im Zimmer angekommen, Jeder im Raum konnte das Absolute, Unabwendbare seiner Gegenwart spüren. Plötzlich fühlte ich, wie das Leben aus meinem Vater regelrecht herausfloss. Ich konnte die von ihm weichende Lebensenergie spüren, wie sie von seiner in meine Hand überging und innerhalb von Sekunden mein Herz wie wahnsinnig schlagen ließ. Meine Tante erzählte mir später, dass sie exakt das gleiche gespürt hatte und dass auch ihr Herz rasend schlug. Dann bäumte sich mein Vater still zwei-, dreimal auf, das heißt, es war mehr ein nach vorne drücken seiner Schultern, als Zeichen eines minimalen Aufbegehrens. Nun passierte das, was mich bis heute am meisten wundert, denn aus meinem Mund kam genau in diesem Moment völlig selbstverständlich der Satz "Geh auf das Licht zu", den ich, mit deutlich hörbarer, eindringlicher Stimme, noch einmal wiederholte. Es war ziemlich schrecklich, denn ich wusste nicht, wo in mir dieser Satz vorher gewesen sein sollte. Nie hatte ich während des ganzen Sterbeprozesses an ein Licht oder etwas ähnliches gedacht, ich sprach einfach aus mir heraus, als wäre das der Satz, den ich am Ende eines langen Theaterstückes zu sagen hätte, der Schlusssatz, bevor der Vorhang fällt.
Frau Rossi - 19. Sep, 20:06
Jeder kennt sie, hat sie schon mal gesehen: die bunten Röhrenlabyrinthe, wie sie häufig vor amerikanischen Imbißketten zu finden sind, in deren Gänge sich Kinder nach erfolgtem Genuss ballaststoffarmer und kohlehydratreicher Kost noch ein wenig Bewegung verschaffen können, bevor sie wieder vor die Fernsehgeräte müssen.
Einmal war ich mit einem Freund noch nachts mit dem Auto unterwegs. Wir kamen von einem Konzert aus einer größeren Stadt, bei dem unter anderem eine Band spielte, die einen Song mit dem Titel 'Genforscher' spielte ("Wir sind Geeeenforscher, wir haben keine Freundin"). Meinem Mitreisenden knurrte ab Kilometer 20 der Magen und das große gelbe 'M', was neben der Autobahn weithin durch die Nacht strahlte, versprach Linderung.
Ich hatte wohl schon ein paar Bier getrunken, jedenfalls hatte ich keinen Hunger, ging nur auf's Klo, während sich mein Freund in die lange Schlange vor dem Tresen reihte. Nachher ging ich nach draußen, weil der Frittengeruch empfindlich auf meiner Seele lastete. In Wirklichkeit ist es auch nicht so sehr der Geschmack dieser Speisen, der mich abstößt, sondern der fettwolkige Olfaktor, der diese Restaurants stets und immer umwabert.
Unschlüssig stand ich dann herum, sehr aufgekratzt und zu allerlei Schabernack bereit, wie das halt so ist, nach 2-6 Bier. Dann sah ich die Röhren. Jawohl, so würde ich mir, meiner Laune entsprechend, die Zeit vertreiben, bis mein Freund wieder zurückgekommen wäre. Ich weiß noch, dass ich "ich bin Geeenforscher, und keiner hat mich liehieb..." sang, als ich die Plastikstellage erklomm und das Röhrensystem enterte. Auf allen Vieren bewegte ich mich nun voran. Doch die Röhren schienen von innen plötzlich viel enger als vermutet, denn das Ganze ist ja eigentlich auch für Kinder gedacht und nicht für besoffene, euphorische Weiber. Munter dennoch kroch ich fürbass. Da - links ein Abzweig! Erstmal ignorieren und weiter. Ein Plexiglasfenster zu meiner Rechten, die Scheiben sind verkratzt und ich kann kaum sehen, was draußen so vor sich geht, schließlich ist es auch dunkel und die Parkplatzbeleuchtung erhellt das Innere des Labyrinths nur spärlich.
Nach einer Kurve noch ein Abzweig, es geht leicht nach oben. Wäre ich doch abgebogen, denn plötzlich endet die Röhre gleich einem Blinddarm. Ich muss zurück, denke ich, aber es ist unmöglich mich umzudrehen, ich bin schlicht zu fett. So krieche ich rückwärts und wenn ich ehrlich bin, ist alles auch gar nicht so lustig, wie ursprünglich gedacht. Das Genick schmerzt von der unnatürlichen Haltung und in der Röhre muffelt es unbestimmt nach Plastik und noch irgendwas. Um nicht den ganzen Weg rückwärts kriechen zu müssen, nehme ich den Abzweig nach oben. Dort angekommen sehe ich kaum noch durch die Dunkelheit, nur am anderen Ende schimmert gelbliches Laternenlicht.
Plötzlich weiß ich ganz genau, dass ich da nie wieder herauskommen werde. Ein zartes Panikpflänzchen keimt in meiner Brust und schickt in Windeseile seine Schlingen durch meine Adern. Raus, nur noch Raus, alles so eng hier! Dann schlage ich mir noch zu allem Überfluß den Kopf an, ich bin ein einziger Fluchtreflex und so verlassen von Allem wie lange nicht mehr. Bloß nicht rückwärts, voran, voran, treibt es mich. Komplett kopflos wie ich bin winde ich mich durch das Geflecht. Meine Orientierung ist schon lange flöten, die gute Laune auch. Ein Fenster links, durch das ich verschwommen den Eingang des Restaurants sehe, hilft mir auch nicht weiter. Dann wieder eine Abbiegemöglichkeit aus der mir kühlere Luft entgegen weht. Hier muss eine Verbindung zur Außenwelt herzustellen sein, nichts wie durch. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine leicht gewundene Rutsche handelt, die nach unten führt. Bäuchlings schlittere ich runter, ein Plastikvorhang versperrt den Ausgang, den schubse ich beiseite, bevor ich im Sand lande.
Vertrauter Fettgeruch, nie schien er mir begehrenswerter. Ich stehe auf, ordne mit zitternden Händen meine Kleider, alles an mir vibriert. In dem Moment tritt mein Freund aus der Tür, mit einer Tüte und einem Becher kommt er auf mich zugelaufen und fragt mich, ob ich schon pinkeln gewesen sei. Als wir dann im Auto sitzen und ich ihm die Niederlage schildere, sieht er mich fassungslos an und meint, er hätte immer gedacht, dass ich unter Klaustrophobie leide, warum ich denn da rein sei. So genau konnte ich ihm die Frage leider auch nicht beantworten. "Wohl vom Wahnsinn umjubelt" meinte ich bloß.
Frau Rossi - 7. Sep, 16:42
Gleich müsste das Kind gebracht werden, was ich seit Ferienbeginn, bis auf eine kurze Ausnahme, nicht mehr gesehen habe. Kaum ist die Schule aus, zack, raus auf's Land und rauf auf den Traktor. Wohl ist er in seinem Umfeld der einzige 10jährige, der schon Traktor fahren kann. Das kann er später dann als "soft skill" angeben, falls es mal zu einer Bewerbung kommen sollte.
Jedesmal, wenn ich ihn länger nicht sehe, ist er bei Rückkehr ein kleines Stück gewachsen. 'Also doch', denke ich. Die Sache der "Schüsse" ist die seine nicht. Sein Wachstum geht eher kontinentaldriftartig von statten, nie über Nacht. Scheinbare, monatelange Stagnation, aber plötzlich ist das Hosenbein doch zu kurz. Ein Hosenbein passt, bei geschicktem Einkauf, mindestens drei Jahre, aber leider zwingt einen jedesmal die mindere Qualität der Stoffe, vor allem an den Knien, lange vor dem Herauswachsen zu einer Neuanschaffung.
Bald ist der 11. Geburtstag. Gott sei dank ist er mitlerweile so alt, dass man auf den ganzen Kindergeburtstagskram verzichten kann. Ich gehöre nicht zu der Sorte Mutter, die gut gelaunt eine Horde 5jähriger Jungs bespaßt und mit Popcorn schmeißt. Ich gestehe, dass ich es gerne beim "Kuchenpacken" und "Geschenkeeinbacken" (fränk.) belasse. Zwei der schönsten Geburtstage waren die, an denen die nette Freundin des Kindsvaters, selbst kinderlos, alles in die Hand nahm und Burgen aus Karton baute und Ritterkostüme bastelte. Das Jahr drauf rief sie das Motto "Heyho, ihr Strandpiraten" aus, baute Schiffe aus Holz und Segeln, um sie dann im nahen Bach zu Wasser zu lassen. Leider endete das in einem Drama, weil einige der Schiffe nicht so schwammen wie gedacht, sogar von schweren Havarien war die Rede. Die Stimmung soll zum Schluss sehr schlecht gewesen sein. Auf das Ausrichten eines weiteren Geburtstages hat sie seither leider verzichtet. Aber immerhin blieben mir so, in der "anstrengenden" Phase von 3 - 9 Jahren,
2 von 7 Geburtstagen erspart. Die Formel für einen -nach meinen Begriffen- gelungenen Kindergeburtstag lautet mitlerweile so: pro Kind 2 Erwachsene und daher 6 Flaschen Bier. Bei einem Kasten mit 24 Flaschen kommt man somit auf 8 Erwachsene und 4 Kinder. Das ist Mathematik, die Spaß macht!
Frau Rossi - 10. Aug, 09:51
Angeregt durch
Frau Sopran
habe ich mich daran erinnert, wie ich früher immer wieder versuchte, mich mit dem Sporttreiben anzufreunden, jedoch jedesmal auf unterstem Niveau scheiterte. Aber es gibt ein Happy End, lest selbst:
Als Kind war ich das, was wohl die meisten Mädchen waren: eine Pferdenärrin. In unserer Nachbarschaft gab es eine Koppel, auf der weideten Ponys. Der Besitzer war froh, dass wir uns kümmerten, bedingungslos. Wir hatten quasi freie Hand und trugen unser ganzes Taschengeld zu "Reitsport Scheidt", investierten in Hufkratzer, Kardätschen, Huffett und allem, was unser Budget nicht sprengte. Das Reiten ohne Sattel brachten wir uns selbst bei und pflegten somit einen wilden, den Tieren wohl nicht immer gerecht werdenden Stil. Die wiederum rächten sich durch unberechenbare Manöver im Gelände, z. B. abrupte Richtungswechsel nach rechts oder links aus dem gestreckten Galopp heraus oder sie stoppten einfach ab, um ein paar
imaginäre saftige Büschel Gras zu rupfen, während wir, den Gesetzen der Physik folgend, über ihre gesenkten Köpfe segelten. Ich erinnere mich an zahlreiche Stürze, mit und ohne Pony, ein Wunder, dass nie jemand ernsthaft Schaden nahm. Die dadurch entwickelte Geschicklichkeit kam mir später entgegen, als ich endlich in den Reitverein durfte. Vom Pferd fiel ich die ganzen Jahre jedenfalls nicht mehr, dafür haftete mir permanenter Stallgeruch an. Mit ca. 14 verlor ich, wie die meisten dieser Mädchen, plötzlich das Interesse, riss zuhause die Pferdeposter und Postkarten von meinen Wänden, fing an mich zu duschen und nach Patchouli zu riechen. Zwischen meinen Beinen jetzt der Sattel meines frisierten Mofas bzw. die Sitzbänke der frisierten Mopeds meiner Jugendfreunde. Sport, falls man Reiten überhaupt als das bezeichnen kann (Reiter behaupten das zwar, dennoch hege ich so meine Zweifel), trieb ich von nun an jedenfalls keinen mehr. Selbst zu den allerkürzesten Spaziergängen war ich nicht zu bewegen, und wenn doch, maulte ich permanent rum, sodass man mich künftig lieber zuhause ließ. Selbstverständlich bewegte ich mich nie mehr als gerade nötig, deshalb sind diese Jahre im Register unter "Statische Phase" abgelegt.
Später hatte Sport, bzw. der Sportversuch, viel mit den Freunden zu tun, mit denen ich gerade Kontakt hatte. So probierte ich es erfolglos mit Squash (Oli), Karate (beim Postsportverein), Klettern (mit Matze), Tennis (bei Kyaw Kyaw in Rangoon), Body Building (Oli), Jazz Dance (bei Mausi). Keine dieser Phasen dauerte jemals länger als ein halbes Jahr, geklettert bin ich gar nur zweimal, bis ich merkte, dass ich eigentlich nicht schwindelfrei bin (musste dann wegen Schreckstarre 5 Meter vor dem Gipfel abgeseilt werden).
Auf diese Phase der "Unsteten Suche" folgten die "Jahre der Resignation", in denen ich meine Zwangsneurosen hätschelte und litt. Ich war damals so unfit, dass mir mein Arzt während einem meiner zahlreichen EKGs ans stolpernde Herz legte, ich MÜSSE mich meiner Leistungsfähigkeit und meinem Alter entsprechend einfach mehr bewegen, sonst sehe das auf Dauer nicht gut aus. Jede 60-Jährige hätte mich damals auf dem Fahrrad wohl locker abgehängt. Muss ich eigentlich extra erwähnen, dass ich damals rauchte wie ein Schlot? Die einzige Art der Bewegung, die mir zu dieser Zeit immer und ohne Mühen gelang, war das Tanzen. Tanzen konnte ich heftig und stundenlang, ohne Pause. Ich tanzte sogar dann noch, wenn sich alle Anderen aus Erschöpfungsgründen schon längst verabschiedet hatten ("Wo nimmst du nur diese Energie her?").
Am Tag nach meinem 35. Geburtstag setzte die "Phase des Umdenkens" ein und ich hörte mit dem Rauchen auf. Von heute auf morgen, wie es immer so schön heißt. Um mir den Abschied von der Zigarette zu erleichtern, glaubte ich, mit dem Joggen anfangen zu müssen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich freiwillig wirklich gequält, weil ich dachte, das sei "gut für mich". Einige berichteten mir von drogenrauschähnlichen Hochgefühlen und Andere sprachen von Endorphinen und tranceähnlichen Zuständen beim Laufen. Soweit bin ich nie gekommen. Im Gegenteil: ich hatte immer das Gefühl, bei jedem Schritt kleiner zu werden und am Ende war ich jedes Mal völlig niedergeschlagen und fertig. Nach einem dreiviertel Jahr gab ich es endlich auf unmotiviert im Wald rumzuhoppeln. Eine kluge Entscheidung, wie ich meine, denn sicher hätte ich irgendwann einmal wieder mit dem Rauchen angefangen und sei es nur zu dem Zweck, meine negativen Gefühle nach den Joggen zu kompensieren.
Irgendwie begegnete ich damals dem Tango. Sofort fühlte ich mich zu der schwermütigen Musik hingezogen und meine Hypophyse, die faule Schlampe, begann unmittelbar und ohne zu Murren mit ihrer Arbeit und produzierte Endorphine an der Zahl. Bis heute gelingt es mir, durch das Tangotanzen Momente zu spüren, in denen sich alles in mir und um mich herum im Einklang befindet und transparent wird. Ewigwährend fühlt sich das an, obwohl es bestimmt nur Sekunden sind, in denen ich alles vergesse und zu schweben beginne. Fünf Jahre mach ich das nun schon, drei davon mit dem Mann. Ein unbeschreibliches Gefühl ist das, wenn wir zwei auf der Tanzfläche zu einer Einheit verschmelzen und diese wundervolle Musik in Bewegung umsetzen. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich etwas wirklich richtig gut, ein für mich bisher nie gekanntes, tolles Gefühl. Ähnlich wohl fühle ich mich nur noch auf dem Fahrrad oder im Bett. Angenehmer Nebeneffekt: durch das permanente Körpermitte- und Achse spüren hat sich meine Haltung sehr verbessert und die Rückenschmerzen sind weg. Um dem noch etwas entgegen zu kommen, hab ich zu Beginn des Jahres angefangen, etwas Pilates zu machen (vhs), gemischt mit Elementen aus dem Hatha-Yoga. Die Tante macht das so gut, dass ich den Folgekurs im Herbst gleich gebucht habe. Durch das ständige "Powerhouse aktivieren" hat sich mein Bäuchlein hübsch gestrafft und auch sonst habe ich nicht den Eindruck, dass sich mein Körper sonderlich gegen diese Art von Gymnastik sträubt. Also bleib ich erstmal dabei und genieße die "Phase der schleichenden Gesundung durch sanfte und mäßige Spaßbewegung".
Frau Rossi - 2. Aug, 12:12
Seit sie Weltkulturerbe wurde, hat sich meine kleine Heimatstadt von einem verschlafenen Nest in ein touristenüberschwemmtes Katastrophengebiet verwandelt. Und das gerade in den Sommermonaten, wo das Leben der Bewohner von drinnen nach draußen verlagert wird, weil diese Stadt wie kaum eine andere für draußen und Sommer gemacht ist.
Was die Horden an Touristen nicht schaffen, vollenden die Event-Faschisten vom ortsansässigen Stadtmarketing. Annähernd jedes Wochenende findet in der Innenstadt etwas statt, wird gelärmt, getönt, gehiphopt, geblasen, gespaßt, gewummert, gefressen, gesoffen, gehockt, geglotzt, geschoben, gehüpft. Dabei sind Sandkirchweih, div. Straßenfeste und andere, jährlich regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen, noch gar nicht mitgerechnet.
Dieser Bespaßungsterror zieht natürlich (und so ist das ja konsumtechnisch auch gewollt) Landvolk an der Zahl in die Stadt, jeder mit dem eigenen Auto, selbstredend. Besonders "Clevere" fordern nun die Schaffung neuer Parkmöglichkeiten in der Innenstadt, damit noch mehr ....
Ach, ich merke gerade, dass ich hier einen Leserbrief formuliere, und wirklich: das wird wohl mal Zeit. Jeder sollte in seinem Leben mal einen Leserbrief geschrieben haben, aber wenn der gedruckt wird (was ich nicht glaube), scheißen mir die Verantwortlichen vom Stadtmarketing höchstwahrscheinlich vor die Tür, oder gar Schlimmeres. Egal. Heute war mal ein guter Samstag, an dem in der Stadtmitte "nur" ein Töpfermarkt statt fand, ohne Tschingdarassa und Bumm. Dafür - und es wäre ja auch all zu schön gewesen, brummt es heute gewaltig von oben, denn es ist HURRA! Flugtag in my hometown, mit Doppeldeckern und allem Pipapo. Erwartet wird unter Anderen eine dicke, fette U, mit der man für 150 Eulen über die Stadt fliegen kann. Ich freu mich schon!
Frau Rossi - 28. Jul, 12:44