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Dienstag, 29. Mai 2007

Herz III

Schwierig ist es, so ins Nichts zu sprechen, fast ausgeschlossen. Ich warte darauf, dass meine Freundin etwas sagt. Doch von der anderen Seite des Bettes auch nur hilfloses Schweigen. Irgendwann gebe ich es auf mich unter Druck zu setzen, nur um irgendetwas zu sagen. Meine Blicke schweifen ab. Ich schwitze und spüre, wie mir das Rinnsal über den Rücken in die Ritze meines Hinterns läuft. Hier ist es wie in einer Raumstation. Überall Monitore, auf denen Kurven und Zahlen stehen, die ich nicht deuten kann. Ich zähle 8 Kartuschen mit Medikamenten, die maschinell zugeführt werden. Aus dem Freund heraus und in den Freund hinein führen etliche Schläuche mit Flüssigkeiten. Unterhalb des Kehlkopfes der Tubus, durch den er beatmet wird. Das gibt ein fauchendes Geräusch. Der Brustkasten hebt und senkt sich rhythmisch, ab und an ein Warnton aus dem Computer. In sein Bett hinein, am Fußende, läuft ein dicker Flexschlauch, der die Matratze aufbläst, damit er sich nicht wundliegt. Neben meiner Freundin eine Apparatur, die "LUCY" heißt. Das ist die künstliche Niere. Darunter ein großer Beutel mit klarem, daneben ein großer Beutel mit gelblichem Inhalt. "LUCY" hilft uns, ein Gespräch anzufangen. Meine Freundin erzählt, dass eine gewisse "LUCY" hier seine Nieren wasche. "Die alte Schlampe", setze ich hinterher.
Langsam kommen wir in Fahrt. Können Grüße ausrichten, ihm sagen, wie sehr wir ihn in B. vermissen. Er zwinkert, mit beiden Augen. Er hat uns wohl verstanden! Ein paar Mal noch, in diesen zwei Stunden, in denen wir an seiner Seite stehen, wird er uns anzwinkern. Auch eine Träne wird aus seinem Auge laufen. Warum er plötzlich weinte, weiß ich jetzt nicht mehr. Vielleicht hat meine Freundin ihm erzählt wie schön es wäre, bald wieder mit ihm in B. zu sein?

Dienstag, 22. Mai 2007

Herz II

In Köckern-Ost also eine Bockwurst, so will es die Tradition. Das Ritual, vom Freund eingeführt, nie hinterfragt, kritiklos übernommen, so auch heute. Über den Avus rutscht man praktisch bis vor die Virchow-Kliniken. Das, was in meiner Vorstellung im Inneren dieser Anlagen stattfindet, steht im krassen Gegensatz zur Gediegenheit der Architektur. In der Phase der Rekonvaleszenz mit Buch oder Besuch unter den Bäumen auf einer dieser weißen Bänke sitzen, das stelle ich mir sehr schön vor. Und tatsächlich laufen wir an dem einen oder anderen Patienten vorbei, der genau das tut. Einige haben Ständer mit technischem Gerät neben sich stehen, oder zumindest einen Tropf. Endlich vor der Intensiv angekommen müssen wir klingeln. Noch völlig unerfahren lassen wir uns von anderen Besuchern einweisen. Hier die hellblauen, papiernen Hygienekittel, da Ablage für Garderobe. "Die Wertsachen nehmen Sie besser mit rein". Kann man sich Leute vorstellen, die unter diesen Umständen klauen?

Ein Pfleger schleust uns ein. Kurz wird nachgefragt wer wir seien, man hätte uns hier noch gar nicht gesehen. Freunde aus B.? Herr K. bekomme wirklich viel Besuch. "Das ist schön!" Vor der Glastür zum Zimmer bleibt er stehen. Er informiert uns über den Zustand unseres Freundes (sehr schlecht), dass er zwar sediert sei, dennoch partiell aufnahmefähig. Über seine Schulter hinweg erhasche ich einen ersten Blick auf ihn. Der Pfleger händigt uns noch Mundschutz und Hauben aus und zeigt wo wir uns die Hände desinfizieren können. Schon stehen wir im Zimmer, es war gar keine Zeit, sich groß aufzuregen oder Angst zu bekommen, da wir schon vor dem Bett stehen und schlagartig mit dem Anblick konfrontiert werden. Der Pfleger packt uns die Arme unseres Freundes aus und zeigt uns, wie wir das Wasser herausmassieren können ("als würden Sie melken"), das würde dem Freund sehr helfen, einfach von den Fingerspitzen abwärts streichen, nach einer Zeit würde das dann dünner. Ganz viel erzählt der Pfleger noch, während er schon wieder an einer der Tastaturen steht und den Computer neben dem Bett bedient, den Blick starr auf einen der Monitore gerichtet. Erzählen sollen wir, aber bitte keine Fragen stellen, der Patient könne eh nicht antworten. Und immer in Richtung Ohren sprechen, damit das auch ankomme. Durch die Sedierung seien auch die Sinne eingeschränkt, außerdem befinde sich Wasser im Ohr. Beiderseitiges Augenzwinkern signalisiere Verstehen. Sollte uns schlecht werden, dann bitte gleich rausgehen und hinsetzten. Einen Schluck Wasser trinken, durchatmen.

So stehen wir also da, rechts und links vom Bett, jede "melkt" eine dicke Hand und wissen nicht, wie anfangen mit dem Reden. Der Pfleger stört uns irgendwie dabei, außerdem drückt der Kloß im Hals und aus meiner Nase laufen Tränen. Noch kann ich nicht sprechen.

Samstag, 19. Mai 2007

Herz I

In wenigen Stunden werde ich in Berlin einen sehr guten, alten Freund wiedersehen. Kurz vor der Fahrt dahin, in der Nacht zuvor bzw. seit der Entschluss fest steht heute zu fahren, mache ich mir unablässig Gedanken über die Begegnung. Er weiß gar nicht, dass ich komme. Wird er mich erkennen? Wie wird er darauf reagieren? Wird er überhaupt reagieren? Was wird das in mir anrichten, der Anblick seiner Hilflosigkeit? Wie sieht er überhaupt aus, jetzt, nach der Transplantation, die 22 Stunden dauerte und nach Angaben der Ärtze "nicht optimal" verlaufen ist, auf dem schmalen Sims zwischen Leben und Tod balancierend? Noch gestern früh wusste keiner, ob er die nächsten Stunden überstehen wird, denn erst versagten die Nieren, jetzt zickt die Leber. Zwischendrin noch eine Operation am Darm (Anus praeter?), dazu das neue Herz, was nicht von alleine schlagen möchte.

Ich habe Bilder im Kopf, deren Zutreffen ich nachher überprüfen werde. Ich weiß, dass er beatmet wird, dass seine Augen unkontrolliert rollen und dass er ohne Anschluss an die Maschinen binnen kürzester Zeit sterben muss. Ich weiß auch, dass mir das Herz, kurz bevor ich an sein Bett trete, bis zum Hals klopfen wird, schon jetzt bekomme ich beim Gedanken daran feuchte Handflächen. Wahrscheinlich werde ich nichts sagen können.

Als ich mich vorhin anzog, dachte ich nur: nimm was Billiges, Neutrales, was du hinterher getrost wegschmeißen kannst. Denn damals, am Sterbebett meines Vaters, trug ich unglücklicher Weise meinen Lieblingspulli. Jedes Mal, wenn ich ihn wieder anzog, musste ich daran denken, dass ich diesen Pulli an hatte, als ich meinem Vater zum letzten Mal die Hand hielt. Der Pullover und dieses Bild waren nicht mehr voneinander zu trennen, ich musste ihn wegschmeißen. Dass mir jetzt solche banalen Dinge durch den Kopf gehen, macht mir heute nichts mehr aus. Das Leben ist wohl einfach so. Banal, schrecklich und dazwischen gehts mal so.

Freitag, 18. Mai 2007

Model

Auf dem Weg zu meinem Einkaufsladen stakst sie mir entgegen - 175cm, 90-60-90, höchstens 50kg. Über dem Arm ein Kostüm in Plastikhülle. Die steile Falte über der Nasenwurzel berichtet von Verzicht auf Dickmacher aller Art, der übergroßen Sorge vor vorzeitiger Hautalterung und körperlichem Verfall. Ich sehe, dass sie ihr Geld mit ihrem Äußeren verdient. Eine Frau wie aus der Werbung (Kunststück: schließlich IST sie die Werbung!): glatt, austauschbar, perfekt, bis auf diese Falte. Fast bin ich geneigt zu sagen, dass diese eine Falte das einzige ist, was sich an ihr nicht unter Kontrolle bringen lässt, niemals, und das weiß sie, das macht sie sehr unglücklich, wo sie doch sonst so ohne Makel ist, ideale Projektionsfläche für alles, was verkauft werden muss und im nächsten Moment schon durch andere Dinge ersetzt wird, die auch verkauft werden müssen.
Vielleicht sitzt sie ja jetzt gerade daheim und streicht sich die Falte mit zwei Fingern glatt, immer schön entlang der Augenbrauen von innen nach außen, so wie ihr das die Kosmetikerin gezeigt hat. Danach gönnt sie sich noch eine Saftschorle, absolviert ihr abendliches Straffungsprogramm und legt sich dann zu Bett, ohne Kissen, nur mit Nackenwurst, damit die Haut nicht unschön gedehnt wird, in der Nacht.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Schöner Wohnen II

Der Keller ist ok. Manchmal muffelt es ungelüftet, aber Alles in Allem ist er relativ freundlich und sauber. Keine Spinnen, auf die man aus Versehen drückt, will man das Licht anschalten und keine klebrigen Weben, in denen man sich verfängt, wenn man durch eine Tür läuft. Mehr verlange ich nicht von einem Keller. Er bildet das Fundament für ein nettes, kleines Stadthaus, viergeschossig, Baujahr 1912, ein Erker. Die Wohnungen haben alle um die 65 m2, zwei Zimmer, Küche, geräumiger Flur, großes Bad mit Tageslicht, Klo extra. Für mich gibt es im ersten Stock sogar eine schöne Terrasse mit Blick auf die Gärten des Wohnblocks.

Im Erdgeschoss wohnt Maja. Sie ist Mitte 20 und hat einen Sohn, Alexander, 4. Vater nicht da. Alexander hat keine Vorderzähne mehr. Die sind alle, bis auf ein paar bräunliche Stummel, den Kariesbakterien zum Opfer gefallen. Seit Alexander im Kindergarten ist, seit einem Jahr also, fängt er langsam das Sprechen an. Das heißt, gesprochen hat er schon vorher, nur konnte man ihn nicht verstehen. Zumindest habe ich nie mehr als "nein" (NEI), "ja" (HAA), "Limo" (LIMO) ausmachen können. Alexander ist mitnichten geistig zurück, er ist nur sozial verwahrlost. Selten verlässt er mit seiner Mutter das Haus. Selbst im Sommer darf Alex nur für kurze Zeit in den Garten, danach wird er gesäubert. Den ganzen Tag läuft bei Maja der Fernseher. Alex sitzt mehr oder weniger unbeteiligt davor, kriegt alles mit, spielt so vor sich hin. Seine Bewegungen sind unkoordiniert, grob. Wenn er meinem Sohn in das Gesicht fasst, muss er aufpassen, dass ihm von Alex kein Auge ausgestochen wird, so aus Versehen. Zweimal bin ich Nachts runter, weil Alexander hysterisch weinte. Das erste Mal dachte ich, sie hätte ihn alleine gelassen. Hatte sie aber nicht. War nur eine Erziehungsmaßnahme gegen den nicht schlafen Wollenden. Das zweite Mal hatte ich mitgekriegt, dass sie ihn, zur Strafe wohl, in das Zimmer gesperrt hatte. Die verzweifelten Schreie des sich immer wieder gegen die Tür werfenden Jungen konnte ich nicht ertragen. Ich bin runter und habe zur ihr gesagt, dass sie das bleiben lassen soll, egal, was er angestellt haben mag, so ginge das nicht. Im Wohnzimmer auf der Couchgarnitur die Schwester von Maja, die mich stupide anglotzte. Dann trat ein Mann in Majas Leben. Ein Jüngling eher, mit Basecap und weiter Hose. Plötzlich wohnte er da. Im Treppenhaus mischte sich der Zigarettenrauch mit Cannabisduft, schon am Vormittag. Die Tür zum Keller war plötzlich zugesperrt, der Typ häufig im Keller. Komische Gestalten gingen aus und ein, oft gab es Scherereien, Polizeiwagen vor der Tür. Irgendwann nur noch heftiger Streit zwischen Maja und dem Typen. Türenschlagen. Schreiereien. Türeneintreten. Plötzlich Ruhe. Der Typ war verschwunden, mit ihm der Cannabisduft. Ich ertappte mich beim Aufatmen. Das war vor ca. 6 Monaten. Letzthin sprach mich Maja auf der Treppe an, irgendwas Banales, da sah ich ihren Bauch. Sah, dass sie überhaupt zugenommen hatte. Typ weg (Knast), Bauch voll, ein weiteres, sinnlos gezeugtes Kind wird bald geboren werden und verwahrlosen.

Über mir zog vor einem Jahr eine Stefanie ein. Sie hat ein Mädchen, ca. 3 Jahre. Vater nicht da. Stefanie ist sehr jung, sehr dünn und ihr stark geschminktes Gesicht wird von einem blondiertem Mittelscheitelpagenkopf gedeckelt, die Haaransätze immer dunkel. Nie sehe ich ihre Augen ohne den fetten, schwarzen Kajalstrich drumrum. Wenn wir uns auf der Treppe begegnen, dann grüßt sie mich schnell, verhuscht. Mehr haben wir noch nicht geredet. Seit ca. 4 Monaten hat sie einen Kerl. Erst wurde ich nachts wach, weil über mir plötzlich Fickgeräusche waren, oft erst früh, zwischen 4 und 5 Uhr. Beim ersten Mal dachte ich "Beb ich, oder spüre ich schon?", denn die enormen Stöße versetzen den ein oder anderen Teil meiner Einrichtung in fein sirrende Schwingungen, erdbebengleich. Dazu Gejammer von der Geschminkten. Da ich früh aufstehen muss, griff ich zu meinen Ohrenstöpseln. Es dauerte nicht lange, da zog der Typ ein. Aus dem Kofferraum seines schwarzen BMW Kombi (Fickfolie, auf dem hinteren Seitenfenster die Domain www. mb-sicherheitsdienstleistung.de) förderte er Staubsauger und Stereoanlage hervor. Ein Hund wurde angeschafft, Rottweilerwelpe. Der Welpe litt arg, wenn er alleine gelassen wurde. Dann machte er sich Luft durch stundenlanges Geheule. Mitlerweile ist er älter und nimmt das Alleinesein klaglos hin. Nur wenn er - bei mancherlei hündischem Fehlverhalten ertappt - von seinem Herrn, wahrscheinlich mit Fußtritten, durch die Wohnung gejagt wird, winselt er noch. Die Wutanfälle des bis unter den rasierten Scheitel mit Testosteron angefüllten Fleischberges häufen sich in letzter Zeit. Richteten sich seine Attacken bisher nur gegen den Hund, sind nun immer öfter die Freundin und ihr Kind Zielscheibe seiner Angriffe. So ein kleines Kind kann viel falsch machen. Sein größter Fehler aber ist, dass sich in ihm die Gene eines anderen Mannes, eines früheren Konkurrenten, manifestieren. Das bekommt es reichlich zu spüren. Aus dem Nichts fängt dieser Typ dann an wie wahnsinnig zu brüllen und Gegenstände durch das Zimmer zu schmeißen. Gestern kulminierte das Ganze und wollte kein Ende nehmen. Satzfetzen wie "...jeden Cent, den ICH verdiene..." und "...alles macht IHR kaputt...", drangen durch die Wände. Jede Menge Möbel polterten, am Schluss der Typ, der mit seinem Hund aus dem Haus trampelte, während sie sich ihm noch in den Weg zu stellen versuchte. Nach einer kurzen Zeit der Ruhe kam er wieder. Ein paar Minuten später stereotypes Gejammer, man besiegelte den Streit wohl mit einem zünftigen Fick. Das Kind lief dazwischen umher.

Unter dem Dach wohnt Jutta mit ihrem 2-jährigen Sohn Jan-Phillip. Vater nicht da. Jutta ist eine Zwergin, ich schätze sie auf 1,45 Meter. Nie habe ich einen Menschen getroffen, der derart viel Müll produziert wie sie. Es ist als wolle sie sagen: "Seht her, ich bin zwar eine Zwergin, aber ich mache Müll für drei!" Jeden zweiten Tag geht sie Einkaufen und kehrt mit etlichen prall gefüllten Plastiktüten am Kinderwagen wieder zurück. Kind und Einkäufe werden dann unter lautem Stöhnen in den dritten Stock befördert. Ich habe es schon lange aufgegeben, ihr dabei zu helfen, wenn sie an meiner Tür vorbeikeucht. Ich schaffe es einfach nicht mehr, psychisch, meine ich jetzt. In ihrer Wohnung und davor türmen sich die mit Müll gefüllten Plastiktüten. Jutta ist der einzige mir bekannte Mensch, der von Mülltrennung noch nie etwas gehört zu haben scheint. Glas, Konserven, Umverpackungen, Essensreste, ALLES landet in den Restmülltonnen. Die sind dadurch natürlich ständig randvoll und können selbst von Jutta nicht mehr verstopft werden. So füllt sich das Zwischenlager vor ihrer Haustür und durch das Treppenhaus wabert mittlerer Verwesungsgestank aus Windelsäcken und Tüten. Unlängst sprach ich sie auf ihr privates Müllproblem an. Pries den Vorteil von Mehrweg und Recycling. Flehte und drängte im Interesse Aller auf Inanspruchnahme des Gelben Sacks, dessen Konzept ich zwar selbst als nicht sehr sinnvoll erachte, der aber zumindest hilft, die Mülltonnen zu entlasten. Sie versprach Besserung. Bei der letzten Abfuhr blieben dann aber zwei Säcke liegen. Sie waren von kundiger Hand aufgerissen und gaben so den Blick auf das Innere frei. Essensreste, Hipp-Gläschen, alte Windeln. Alles. Restmüllentsorgung via Gelben Sack. "So ja nicht!", wird sich der Sackmensch bei der Abfuhr gedacht haben, und so blieben sie noch drei volle Tage anklagend vor der Tür liegen, bis Jutta resignierte und sie endlich wieder nach oben holte.

Eigentlich wohne ich gerne hier in diesem umsichtig renovierten Altbau. Es ist zentral, kostet wenig, die Wohnung ist freundlich. Trotzdem ist es allerhöchste Zeit, dass ich mich nach etwas Anderem umsehe. Gerade ist der Typ über mir aufgestanden und drangsaliert das weinende Kind. Immer wieder äfft er sein Heulen nach. Die Mutter schweigt dazu.

...

Gehört zu den Dingen, die sich bei mir schon verselbständigt haben: Abwaschen, kochen => Küchenradio an. DeutschlandRadioBerlin ist gottlob auch hier zu empfangen, gerne nehm ich auch Bayern2, das geht manchmal ganz gut, vor allem bei Zündfunk.

Das Crossover-Rumgestochere bei DRB in allem was sich nach Musik anhört, hm... kann man machen, aber muss man auch? Von je her eher Purist, bin ich oft brüskiert von den schroffen Wechseln und wundere mich über Musikredakteure, die scheinbar völlig merkbefreit und bar jeglichen Stilgefühls im Musikschatzkästlein wühlen und sich sagen: "Oho! Camille Saint-Saëns, eine Neuinterpretation mit Klarinette und Klavier, ja, das fetzt! Das passt ja herrlich zu einem Livesong von Rod Stewart!" "PASST ES NICHT!" möchte ich rufen, zumal das lustige Getute von Saint-Saëns noch nichtmal ausgeblendet, sondern mittendrin einfach abgewürgt wird!

Im Hintergrund des Liveliedleins übrigens teenieeskes Gekreische. Wie jetzt!? Kreischen da ehrwürdige Damen um die 50? Oder begeistert der Sänger mit der betonierten Perückentaubenfrisur und der Stimme, die mich permanent Fremdräuspern lässt, etwa noch immer die jungen Dinger? Dann wurde noch unverschämt behauptet, dass Rod Stewart früher, bevor er nach Amerika ausbürgerte und seine Songs somit verseichteten, ja viieel besser gewesen sei. Gleich wurde ein Beweissong hinterher geschoben. "NEIN!" wollte ich rufen "NICHT VIIEEL BESSER, SONDERN NUR ANDERS!", denn was ich da zu hören bekam war Rhythm&Blues und ich HASSE Rhythm&Blues, weil ich die ewiggleichen Harmonien des Bluesschemas mit den in ewiggleichen Posen, Klamotten, Meinungen und Musikgeschmäckern verharrenden Alt68ern assoziiere, die sich nie das fitzelige Resthaar rasieren und bröselige Zigaretten aus DRUM-Tabak drehen, mit dem ewig beturnschuhten Fuß dabei den Rhythm zum Blues andeutend.

Blues.Schmues. Fiel mir, während ich also kopfschüttelnd und quengelnd den Topf mit einem Brazzoschwamm bearbeitete, leider siedendheiß ein, dass ich in meiner Jugend zu "Sailing" einen Stehblues tanzen musste, mit einem Jüngling, der aus dem Mund nach Kuhmilch roch! Fiel mir weiter das ganze unbeholfene Geknutsche ein, mit ebendiesem. Herrje, da musste ich laut "LaLaLa" singen, schnell ausschalten und die Tür zum Wohnzimmer aufmachen, wo der Sohn zu White Stripes rockte und mich von der Erinnerungspein erlöste.

Dienstag, 15. Mai 2007

Schöner Wohnen I

Dass der Briefkasten seit geraumer Zeit nicht geleert wurde, fiel mir schon auf, aber das war schon einmal vorgekommen und da stellte sich heraus, dass Herr Kahle aus dem 1. Stock für drei Wochen im Krankenhaus war, ohne dass er jemandem aus dem Haus Bescheid gesagt hatte. Überhaupt war er ein unangenehmer Mensch, der die Atmosphäre im Haus durch sein bloßes Dasein schon derart vergiftete, dass man froh war, ihm nicht auch noch auf der Treppe begegnen zu müssen. Ließ sich das nicht vermeiden, schaltete ich von Nasen- auf Mundatmung um, sonst hätte ich mich gewiss übergeben müssen, derart penetrant war Herrn Kahles Körpergeruch. Nie vorher und nicht bis jetzt habe ich Vergleichbares gerochen, altes Männerhautfett, ranziger Talg, fest verankert in ungewaschenen, tagein tagaus getragenen Klamotten und in meinem olfaktorischen Gedächtnis, jederzeit abrufbar, leider. Wenn er seine Wohnung mal verließ, konnte man ihn noch stundenlang im Treppenhaus riechen, ein Graus.

[Herr K. war ein klassische Abgreifer. Eigentlich war er nur im Haus, weil er sich vor Jahren schon an die Vermieterin rangemacht hatte, die zum Zeitpunkt meines Einzugs bereits über 90 war und mit ihm, dem über 20 Jahre Jüngeren, die großzügige Wohnung im 1. Stock teilte. Frau Kreckel war Witwe, wohlhabend und nicht mehr ganz bei Verstand. So regelte Herr Kahle all das, was geschäftlich anfiel. Man hätte auch sagen können, dass er die Frau ausnahm wie eine Weihnachtsgans. Natürlich haben sie nie geheiratet, wegen der Rente, die dann weggefallen wäre und von der Herr Kahle sein Geschäft unterhielt. Er hatte zur Wende nämlich eine "Marktlücke" entdeckt und stellte nun in den Neuen Bundesländern Geldspielautomaten auf. Außerdem war er Spieler und hatte eine Menge Schulden. Das und noch viel mehr erfuhr ich in regelmäßigen Abständen, wenn ich mit Frau Kreckels Tochter, Frau v. E. telefonierte, die einen österreichischen Adligen geheiratet hatte und nun in Wien lebte. Nachdem ihre Mutter irgendwann gestorben war, musste sie sich um die häuslichen Angelegenheiten kümmern. Herr Kahle hatte Wohnrecht bekommen, das Haus selbst ging an die Tochter. So war Frau Kreckel nun tot und Herrn Kahles Geschäfte liefen schlecht. Geld weg, Haus weg, alles Scheiße. Wo er doch immer so für seine "Lenie" gesorgt hatte, wie er mir vorjammerte. Die Sorge erschöpfte sich darin, dass er um die Mittagszeit los zog, einen tragbaren Aluminiumbehälter in der Hand, um von der Großküche des nahe gelegenen Altersheimes für 2,50 Mark ein Essen zu organisieren. Der Rest der Rente floss in seinen persönlichen Wirtschaftskreislauf, der sicher nicht den Kauf von Seife und Kleidung beinhaltete. Zum Schluss stellte sich heraus, dass er auch die Kaution vergeigt hatte, die ich beim Einzug zahlen musste.]

Circa ein halbes Jahr hielt Herr Kahle noch durch, nachdem seine Lebensgefährtin abgedankt hatte. In dieser Zeit verfiel er zusehends, rasierte sich nicht mehr und geisterte im Treppenhaus und Keller herum. Mit Lenies Tod war nicht nur seine Geldquelle versiegt, auch seine Daseinsberechtigung schien verwirkt, denn es war niemand mehr da, den er beständig beschimpfen konnte ("Lenie. Lenie. Lenie. WAS HAST DU NUR GEEE-MACHT! JAA, JAA, JAA!" so meckerte es bisweilen aus der Wohnung).

Es war Oktober als ich mit Frau v. E. telefonierte, weil mir - außer des überquellenden Briefkastens - auch noch ein leiser Geruch auffiel, der vom Altmännertalggestank abwich. Leicht faulig war das, wie Kohl, nur schwach wahrnehmbar. Ein paar Tage später kam ich am Nachmittag nach Hause und sah ein Polizeiauto vor der Tür. Als ich das Treppenhaus betrat fiel ich fast um. Verwesungsgeruch all over und ein sichtlich erschütterter Herr R., ein Freund der Familie, der von Frau v. E. den Schlüssel zur Wohnung bekommen hatte, und der den Auftrag hatte, da mal nachzuhaken. Sowas habe er noch nicht gesehen. Ent-setz-lich! Blau-schwarz sei er im Gesicht, die Augen schon weg, leere Höhlen! Laut Polizei läge er da schon drei bis vier Wochen. Und unter dem Bett sei ein riesiger Fleck Leichenwasser! So ähnlich seine Worte. Unterdessen umbrummten uns dicke Fliegen, eine ganze Menge. Die letzte Woche hatte ich immer mal wieder eine im Treppenhaus am Fenster gesehen, die schwarzhaarig, fett und träge die Scheibe entlang kroch und mich gewundert. Jetzt war das Rätsel gelöst. Herr R. ging nach unten, um im Hof in ein Blumenbeet zu kotzen, wie ich hören konnte. Ich selbst schaltete mal wieder auf Mundatmung um, ich kannte das ja schon. Nachdem Herr Kahle abtransportiert war, gab es für die Fliegen nichts mehr zu holen und sie verstreuten sich im ganzen Haus. Durch jede Ritze kamen sie und mit ihnen dieser Geruch, der in der Tat unverwechselbar ist, unbegreiflich fremd und bedrohlich obendrein. Ich werde mich mal verbrennen lassen. Das stand zwar schon vorher fest, aber jetzt erst recht.

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