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Mittwoch, 13. Juni 2007

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Ich bin in einer komischen Zeit und unter erschwerten Bedingungen groß geworden. Alles bei mir war anders als bei den wenigen Gleichaltrigen, die ich damals kannte, hatte ich doch eine Mutter, die sich, um ihrer eigenen verklemmten Erziehung und vermufften Jugend in den 50ern zu entkommen, früh von meinem Vater trennte (Die Ehe sei heillos zerrüttet hieß es damals), und zum Studieren mit Kind und Hund in die nächst größere Kleinstadt floh. Dort hausten wir nun in zwei kleinen Dachkammern. Ein Waschbecken gab es draußen auf dem "Gang", der nichts anderes war als der eigentliche Dachboden. Abends trafen sich bei uns die Kommilitonen meiner Mutter, um unter Lambruscoeinfluss hitzig über Politik, Gesellschaft, die neue Rolle der Frau im Allgemeinen und über das "erzreaktionäre Geschwärtel" (das waren alle Anderen) im Besonderen zu diskutieren. Meine Bettstatt war nur unzureichend mit einem Vorhang von diesem Geschehen abgetrennt, sodass Worte wie Dialektik, Hegel, Imperialismus, AStA und Patriarchat wurmartige Wortketten bildeten und durch meine Kinderhirnwindungen krochen. Am meisten befremdete mich das Wort "Examen", dachte ich doch, daß das etwas mit dem Samen des Mannes zu tun haben müsse, was ich wiederum nicht in Einklang mit dem Zusammenhang bringen konnte, in dem es erwähnt wurde.

Zur Erholung wurde ich in regelmäßigen Abständen in den Zug gesetzt (es gab es wirklich, dieses Schild um den Hals, auf dem der Name des Kindes und der Zielbahnhof steht) und zu meiner Tante, der 5 Jahre jüngeren Schwester meiner Mutter, nach Frankfurt geschickt, die damals in einem besetzten Haus in der Bockenheimer Landstraße wohnte. Die nahm mich wahlweise mit auf Demos oder steckte mich in Kinderläden, in denen wir auf den Tischen rumhüpften und dafür gelobt wurden, wenn wir Essen und/oder Scheiße an die Wände schmierten. Aus dieser Zeit stammt auch mein nicht unbeträchtliches Repertoire an Arbeiterliedern, die ich bei Demonstrationen, auf den Schultern irgendwelcher bohemiesken Rebellen sitzend, welche die Proletarier, die sich auf ihr Geheiß hin doch bitte vereinigen sollten, gerade mal vom Hörensagen kannten, eifrig mitsang. In solcherlei Umgebung wurde von Religion naturgemäß nur als Mittel zur Unterdrückung und Verdummung der Massen gesprochen und die Existenz Gottes wurde noch nicht einmal geleugnet, was ja, so schlau war man schon, eine Existenz desselben impliziert hätte.

Da ich aber inkonsequenter Weise dennoch getauft war, kam ich mit meiner Einschulung zum ersten Mal in Form von Religionsunterricht in Berührung mit Jesus, dem Sohn Gottes. Der wieder sollte in der Kirche wohnen und man könne ihn dort regelmäßig besuchen, so die Lehrerin, die auch noch Frau Luther hieß. Auch sonst sei er in der Lage, einiges Wunderbare zu wirken. Das interessierte mich dann aber schon und ich begann meine Mutter zu löchern, mit mir in die Kirche zu gehen und den lieben Gott zu besuchen. Ein heilloses Unterfangen, wie man sich vorstellen kann, war doch meine Mutter damals in ihren Ansichten nicht minder dogmatisch wie die von ihr kritisierten und abgelehnten "Schwarzkittel". Immerhin stellte sie es mir frei, an einem Sonntag selbst einen Gottesdienst zu besuchen, alleine. Ich bündelte also all meine Entschlusskraft, nahm meinen ganzen Mut zusammen, und ging los.

Doch es war nicht so einfach. Zwar hatte mir meine Mutter den Weg zur Kirche (in der ich heute bizarrerweise manchmal singe) genau beschrieben, ich kann mich aber daran erinnern, daß ich lange umherirrte, weil der Kirchturm, an dem ich mich orientierte, mal gut sichtbar, dann aber wieder hinter Häuserzeilen verschwunden war, je nachdem in welchem Winkel ich mich gerade zu ihm befand. Nach einigem hin und her stand ich jedoch plötzlich vor dem riesigen Kirchentor, welches zu öffnen kräftemäßig auch heute noch eine kleine Herausforderung für mich darstellt.
Als schmächtiges und immer zu kleines Kind reichte ich damals mit meiner Hand gerade mal zum Türgriff, an den ich mich allerhöchstens hätte hängen können, um ein wenig hin und her zu baumeln. Von innen drang verhaltenes Orgelspiel an mein Ohr und ich konnte Menschen singen hören. Ich wartete und war sehr aufgeregt.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Jemand kam heraus, fing meinen Blick und unter seinem Arm hindurch flitschte ich ins Kircheninnere. Plötzliche Düsternis umfing mich. Ich lief einige Schritte in das Mittelschiff hinein und wußte nun nicht mehr was tun. Es war zum Angst bekommen! Hier nun sollte der liebe Gott wohnen? In diesem riesenhaften, dunklen und abweisenden Raum? Mein ganzes Streben und meine Vorstellung hatten sich nur darauf gerichtet, in die Kirche hinein zu kommen, was ich aber zu tun hätte, wenn ich einmal darin wäre, darüber hatte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Unschlüssig verharrte ich einige Sekunden lang im Gang und nahm rechts und links von mir Menschen wahr, die auf den Bänken saßen. Einige blickten mich nun an. Gleichgültig bis mäßig erstaunt, wie man eben so schaut, wenn da plötzlich ein kleines Kind neben einem steht.

Das war zu viel! Hier wäre Flexibilität gefragt gewesen und viel mehr Mut als mir zur Verfügung stand. Den hatte ich höchstwahrscheinlich schon vorher auf dem Weg zur Kirche verprasst. Das Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit wurde übermächtig und zwang mich zum sofortigen Rückzug. Ich drehte mich um und rannte zum Ausgang. Wieder stand ich vor dem verschlossenen Tor, doch diesmal fühlte es sich anders an. Enttäuschung, die Schmach der Niederlage, die Angst vor diesem unheimlichen Raum und den vielen unbekannten Leuten schabten nun an meinem Rücken und verliehen mir übermäßige Kräfte. Mit aller Macht stemmte ich mich von innen gegen die Tür, die nun millimeterweise nachgab. Als der Spalt, durch den das Tageslicht hereindrang, mir breit genug erschien, quetschte ich mich hindurch. Eines meiner Ohren wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen, auch blieb ich mit meiner Strumpfhose irgendwo hängen und riß mir ein Loch hinein. Aber das war ja völlig egal, denn ich war der Kirchenhölle entkommen. An den Nachhauseweg erinnere ich mich nicht mehr, ich stand wohl unter Schock.

Das Kirchentrauma der frühen Jahren bewirkte bei mir später eine Weigerung an der Teilnahme zur Konfirmation (zur Freude meiner Mutter), bescherte mir Freistunden oder aber Ethikunterricht (Herkules am Scheideweg) und späterhin den Kirchenaustritt.

Dienstag, 12. Juni 2007

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Neulich bekam ich am Nachbartisch im Cafe ein Gespräch zwischen zwei Frauen mit. Die eine meinte zur anderen, dass ein nicht unerheblicher Nachteil (in einer Kleinstadt zu leben) darin bestünde, auf Schritt und Tritt mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden - in Form abgelegter Liebhaber, nämlich. Da will ich nun gar nicht mal widersprechen. Auch ich begegne von Zeit zu Zeit einem primatenhaften Männchen, in den ich mit 15 fürchterlich verknallt war und mit dem ich ein dreiviertel Jahr meiner damals noch unermässlich scheinenden Zeit verbrachte. Davon geblieben ist nur ein fliegenschissgroßer Buchstabe auf meinem rechten Unterarm, den ich mir damals, im Liebeswahn, mit Nadel und Tinte selbst gestochen habe. Er konterte daraufhin mit einem "K", bold, 48pt, was er sich von einem Freund auf die Schulter tätowieren ließ. Später, als dann "aus" war, hat er sich über das "K" eine Rose stechen lassen, aber der Buchstabe schimmerte trotzdem beharrlich durch.

Auch sehe ich oft junge Burschen im Alter von 16-20, die mir unglaublich bekannt vorkommen. In drei dieser Fälle waren das in der Tat die Söhne von Männern, die ich von früher kannte. Crazy, das.

Montag, 11. Juni 2007

Nachtrag

Lange schon, bevor meine Oma gesundheitlich immer mehr abbaute und nicht mehr die Wohnung verlassen konnte, redeten wir ihr immer wieder zu, sich doch eine neue, ebenerdige Wohnung zu nehmen. "Achgottnee, bloß net, einen alten Baum verpflanzt man nicht", so lauteten dann ihre Ansagen. Zwecklos sie weiter zu bedrängen, da blieb sie hart.

Dann aber wurde ihr Zustand immer bedenklicher, zum Schluss bekam sie kaum noch Luft und es ging ihr so schlecht, dass sie sich freiwillig in die Obhut eines Arztes begab. Der überwies sie sofort in das Krankenhaus, wo auch gleich Krebs diagnostiziert wurde, Bronchien, Lunge, bereits metastierend. Deshalb die Kurzatmigkeit.

Dass meine Oma den Krankenhausaufenthalt überlebte, scheint mir heute wie ein kleines Wunder. Teils aus Scham, aber auch aus Unwissenheit wurde verschwiegen, dass sie schwer alkoholabhängig war und am Tag (wie sich bald herausstellte) beinahe eine Flasche Cognac brauchte, um einigermaßen zu funktionieren. Weder mein Onkel noch meine Tante hatten den Mut, das dem Oberarzt mitzuzeilen.
So wurde meine Oma geradewegs in einen kalten Entzug geschickt. Schwer delirierend lag sie im Bett und die Ärzte konnten sich überhaupt nicht erklären, was mit dieser Frau los war. Ich habe meine Tante am Telefon bekniet, dass sie den Arzt über das Alkoholproblem meiner Oma aufklären soll, damit man ihr mit Beruhigungsmitteln die Entzugserscheinungen lindern würde. Schließlich hat sie sich bereit erklärt und wurde für ihr Schweigen promt gerügt. Der kalte Entzug hätte meiner Oma erspart bleiben können, wenn man es nur gewusst hätte, das Leben hätte er ihr obendrein noch kosten können, so die Ärzte. Aber ich kann meiner Tante das nicht zum Vorwurf machen, denn in dieser Familie wurden immer alle Probleme unter den Teppich gekehrt. Das Thema Sucht war sowieso ein heikles, nachdem mein einer Onkel Anfang der 80er auf einer Toilette den klassischen Fixertod starb. Nach außen alles paletti, innen porös.

Wie clever meine Oma ihr Suchtproblem über Jahre verheimlicht hat, stellte sich beim Ausräumen der Wohnung dar, nachdem sie zwangsweise ausziehen musste. Im kompletten Obergeschoss des Hauses ungezählte Verstecke, in denen sie die leeren Flaschen lagerte, die ihr nicht von meiner Tante gekauft wurden. Die hatte nämlich den Auftrag, einmal in der Woche für sie einzukaufen und ihr dabei eine Flasche Cognac mitzubringen. Das Leergut hat meine Tante immer entsorgt. Woher stammten also die Unmengen von anderen, leeren Flaschen? Wie es sich herausstellte, bestellte meine Oma sich zusätzlich zu der "offiziellen" Wochenration noch weitere Flaschen, alles bei mindestens drei verschiedenen Lieferanten, damit der erhöhte Konsum niemandem auffallen würde. Jetzt wussten wir auch, warum meine Oma sich immer so vehement gegen einen Umzug gewehrt hatte: das Leergut war wohl die Ursache.

Sonntag, 10. Juni 2007

(30.09.2003)

Die Urnenbeisetzung ist eher so etwas wie eine Formalität. Während sich am Freitag zur Aussegnung noch alle Mitglieder und Freunde der Restfamilie in der kleinen, schönen Kapelle trafen, ist hier nur noch der harte Kern versammelt. Wir treffen uns am Haupteingang des Friedhofs, bestes Wetter gibt es für uns, schön. Wir stehen eine Zeit herum, warten auf die Urne mit der Oma drin. Kurz nach zwei Glockenschlägen, die der Wind von irgendeiner Kirchturmspitze in unsere Ohren trägt, kommt ein Friedhofsangestellter um die Ecke. Vor sich her trägt er die Urne, die mit einem schwarzen Samttuch bedeckt ist. Er selbst ist feierlicher gekleidet als wir alle zusammen. Schwarze Hose, Jackett, Hemd, Krawatte. Das Ursprungsschwarz seiner Schuhe jedoch ist abgestoßen und wirkt vergleichsweise schäbig. In seinem Gesicht berufsbedingte Scheinverhärmung. Erst als er merkt, daß wir gerade gescherzt haben und auch nicht vor haben damit auf zu hören, wird er lockerer.

Ein paar Minuten noch auf eventuelle Nachzügler warten, reden über Wetter, Blumen, Frost. Friedhofstalk eben. Dann beschließt er anzufangen. Meine Oma wird voran getragen. Der Friedhofsmensch hat einen speziellen Schritt in petto, mit dem er die Urne zu Grabe trägt. Eine Mischung aus unterdrücktem Gehen (der Weg zum Grab ist recht lang) und angemessenem Schreiten (man will den Angehörigen ja schließlich nicht all zu schnell loswerden). Den beherrscht er perfekt. Meine Tante und ich kichern, weil wir uns beide in dem Moment daran erinnern, wie meine Oma damals bei der Urnenbeisetzung ihres Mannes ständig dem Urnenträger in die Hacken lief, weil sie dessen arg gemessenen Schrittrhythmus nicht einhalten konnte. Außerdem hat "unserer" zwei ausgefallene graue Haare auf den Schulterpolstern seines Jacketts liegen und reichlich Schuppen auch.

Bei III/Reihe 11 biegen wir rechts ab. Dann noch mal links (genau wie vor drei Jahren versuche ich mir das einzuprägen, weiß aber, daß ich es bei der nächsten Urne wieder vergessen haben werde). Dann stehen wir vor dem Grab. Ein Loch ist schon darin, mein Sohn, der Skeptiker, untersucht es sofort. Tief genug, alles ordnungsgemäß. Auf dem Grabstein: Stefan W. (mein Onkel, 1979), dann Karl W. (mein Opa, 1990), darunter Karl-Michael W. (mein Vater, 2000). Jetzt meine Oma. Angeblich sind noch 5 Plätze frei.

Als wir uns alle platziert haben, zieht der Urnenträger eine in Folie eingeschweißte Karte aus seiner Jackentasche und klärt uns auf, weswegen wir hier sind. Dann erläutert er uns die Dramaturgie seines Vortrags ("Ich werde nun die zwei wichtigsten Daten aus dem Leben von Maria W., geborene S., lesen. Dazwischen mache ich bewusst eine Pause, damit Sie der Verstorbenen gedenken können"). Nachdem er das Geburtsdatum meiner Oma gelesen hat, fange ich an zu zählen. 21, 22, 23...und denke an den Moment, als die wunderschöne Stimme des Tenors den Raum der Aussegnungshalle bis in den letzten Winkel ausfüllte, Ave Maria, Mariiia, Mariiiiia!...28, 29, dann das Sterbedatum. Plötzlich zieht er das Samttuch zurück und die Urne kommt zum Vorschein. Um die Urne schmiegt sich ein feines Nylonnetz. Einem Einkaufsbeutel gleich hält der Mann sie am äußersten Zipfel fest und versenkt sie im Grab.
Ein Vaterunserderdubistimhimmelgeheiligtwerdedeinname. Danach dürfen wir alle noch ein paar Schaufeln Erde darauf häufeln, Asche zu Asche - Staub zu Staub, fertig. Der Mann verabschiedet sich von uns per Handschlag und lässt nicht locker, bis mein Sohn ihm die Rechte statt der Linken reicht. Jetzt kommt ein Mann in grüner Latzhose, ein Friedhofsgärtner. Er schüttet den restlichen Aushub auf die Urne und läßt sich dann gerne von uns wegschicken. Wir arrangieren den Blumenschmuck neu, das dauert eine Weile. Dann machen auch wir uns auf den Weg. Als wir ein Grab passieren, in dem die Familie "Trillhose" liegt, meint mein Onkel lakonisch: "Die waren bestimmt auch froh endlich tot zu sein, bei DEM Namen!"

(22.09.2003)

Ich betrete das Wohnzimmer, die vertrauten Möbel sehen in der neuen Umgebung völlig anders, besser aus. Hinten in der Ecke das Pflegebett, das Kopfteil erhöht. Der Raum ist erfüllt vom blubbernden Geräusch des Sauerstoffzubereiters, fast klingt es nach Aquarium, nur lauter. An dem Sauerstoffgerät angeschlossen die Frau im Bett, unterhalb der Nase ein feiner Schlauch, der den reinen Sauerstoff in die Nasenlöcher strömen läßt. Das soll das Herz entlasten, sagt der Arzt. Ich setze mich seitlich auf das Bett, es ist viel Platz, unter der Decke zeichnet sich schemenhaft der ausgemergelte Körper ab. 30, 32 kg? Das Gesicht ist leicht zur Wand gedreht, die Züge wirken angestrengt, die Augen geschlossen. Die zwei tiefen Furchen über der Nasenwurzel deuten aber an, daß hier nicht geschlafen, sondern gerungen wird. Als ich ihre Hand greife, die knochige, schöne, mit den tipptopp gefeilten Nägeln, weiß ich endgültig Bescheid. Fieberheiß ist sie, wie bei meinem Vater, damals.

Nun begrüße ich sie. Ihr Unterkiefer bewegt sich leicht, die Furchen zwischen den Augenbrauen verflachen, die Lider flattern kurz. Sie hat mich erkannt, ganz sicher. Ich fange an zu erzählen, von der Einschulung meines Sohnes und wie schlecht er seither schläft, wie er weinte und doch stolz ist, endlich ein Schulkind sein zu dürfen. Irgendwann ist mein Monolog beendet, mir fällt nichts mehr ein was ich ihr noch erzählen könnte. Wofür interessiert sich eine Sterbende? Dann betrachte ich noch lange ihr Gesicht und streichle dabei die Hand, die mich bald 39 Jahre berührte.

Dann setzen wir uns an den Tisch, meine Tante und ich, auch Carmen, die aus Rumänien geholte Pflegekraft, die für 750 Euro (inkl. Versicherung) die letzten paar Wochen meine berufstätige Tante bei der häuslichen Pflege unterstützte. Wir trinken Kaffee, lachen hin und wieder, im Hintergrund das Aquarium, meine blubbernde Oma. Später verabschiede ich mich von ihr. Wir wissen beide, daß es für immer sein wird, trotzdem kann ich nur sagen, tschüss liebe, liebe Oma, bis bald.

Das war gestern. Heute Mittag erreichte mich der Anruf, daß sie gestorben ist.

Samstag, 9. Juni 2007

(06.08.2002)

Oma um 1937

Heute, im Zeitalter der automatischen Türdrücker und der Gegensprechanlagen meine Oma zu besuchen ist weitaus ungefährlicher als damals, als man noch aufpassen mußte, nicht von einem speckigen, braunen Lederboxhandschuh erschlagen zu werden, in dem der Haustürschlüssel verborgen war und mit dem man von oben, im Blindflug quasi, die drei Stockwerke tiefer wartenden Einzulassenden bewarf. Noch heute kann ich mich daran erinnern, wie es sich anfühlte, mit meinen Kinderhänden tief im Inneren des Handschuhs nach dem Schlüssel zu tasten, den aufzuheben und herauszuholen stets meine Aufgabe war. Die Gegensprechanlage und die Gastherme sind allerdings die einzige Reminiszenz an die Neuzeit. Die Wohnung meiner Oma, unter dem Dach eines Gründerzeithauses in Coburg, ist seit dem Krieg nahezu unverändert. Noch immer hat sie kein Bad und wäscht sich in der Küche am Waschbecken, ihr Geschirr aber in zwei Emailleschüsseln, die bei Bedarf durch eine 180° Drehung unter dem Küchentisch hervor geschraubt werden. Das Klo ist auf dem Gang, in dessen Dielen die Melodie ungezählter Schritte gespeichert ist.

Alle in unserer Familie sind klein. 1,80 kommt schon mal vor, gilt aber eher als aus der Art geschlagen. Heute, dem altersbedingten Schrumpfungsprozeß unterworfen, ist meine Oma nur mehr winzig zu nennen. Ich tippe auf 1,45 m. Ein Vögelchen. Ganz vorsichtig muß ich sie drücken, meine rechte Hand greift ihre Hand mit den tipptopp gefeilten Nägeln, während ich meine Wange an ihrer reibe und mit dem anderen Arm vorsichtig zudrücke. Dabei sage ich "Ommale! Hallo!", rieche ihre leichte Cognacfahne und sie sagt "Achgott, Kindele!". Seit Jahren. Habe ich ihren Urenkel dabei, beugt sie sich kaum merklich zu ihm hinunter, läßt eine Kinderhand in ihren zwei Händen verschwinden und sagt "Mein Bübele! Hallo!"

Dann betreten wir die seit über 60 Jahren gleich möblierte Wohnküche, in der vor längerer Zeit das soziale Leben einer 7-köpfigen Familie samt derer Derivate und Freunde stattfand. Jeder wurde aufgenommen, jeder gehörte sofort zur Familie, "es war immer was los", wie meine Oma heute noch schwärmt. In dieser Wohnküche wurde in den Spätsechzigern testhalber ein zuvor erworbenes Zelt aufgebaut, bevor einTeil der Familie im VW-Bus nach Jugoslawien fuhr. Weil man ja nicht alle Tage in der Küche ein Zelt aufbaut, wurde das gleich gefeiert. Irgendein Spaßvogel hat dann noch dem schlafenden Vater ("die Genußbremse"), der sich bei solchen Aktivitäten oft frühzeitig zurückzog, während meine Oma immer bis Ultimo mitfeierte, am Bett rechts und links der Füße zwei brennende Kerzen aufgestellt, die später mit den empörten Worten "Noch bin ich nicht tot" in die Küche zurückgeschleudert wurden. Überhaupt wurde immer gefeiert, egal was.

Wir setzen uns an den bereits gedeckten Kaffeetisch und ich packe die mitgebrachten Kuchenstücke aus ("Kindele, nur ein halbes Stück, Du weißt ja..."). Klar, weiß ich. Meine Oma ißt in der Woche ca. 1 Scheibe Brot, das muß man berücksichtigen. Dann werden die Umschläge auf den Tisch gelegt. Seit Jahren verschenkt sie zu Geburtstagen und zu Weihnachten Geld an die Enkel, aber seit sie mal im Fernsehen bei "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" vor sog. Briefkastenräubern gewarnt wurde, muß man sich die Umschläge persönlich abholen, die, solange bis man kommt, auf der Eckbank deponiert werden. Früher gab es pro Einheit 50 DM, jetzt, mit der Währungsumstellung, kam natürlich Verunsicherung auf, so daß ich letztens einen 50 Euro Schein vorfand ("Ommale, nicht doch!!"). Meine Oma ist nämlich ziemlich arm, wäre die Miete nicht so billig, könnte sie einpacken.

Der Kuchen ist heruntergewürgt, eine "Fair Play" wird angesteckt. Sie raucht seit ihrem 18. Lebensjahr und wird von den Rauchern in unserer Familie natürlich immer als lebendes Beispiel für die Unbedenklichkeit des Rauchens angeführt. Dann holt sie sich ein Konjäckchen. 'Diplomat' von Aldi, der schmeckt ihr angeblich besser als echter, französischer. Es gab vor ein paar Jahren mal ein Weihnachtsfest, an dem sie von der ganzen Verwandtschaft unabgesprochen entweder mit Cognac oder Zigaretten beschenkt wurde. Bis zur 3. Flasche fand sie es noch lustig, danach wurde es ihr leicht peinlich. Es gibt davon noch ein Foto, auf dem sie auf einem Stuhl sitzend zu sehen ist, umgeben von 7 Flaschen und etlichen Stangen Marlboro. Das Jahr drauf gab es dann nichts von Alledem, weil jeder vom Anderen dachte, daß Derjenige schon für Nachschub sorgen würde. Das war ihr dann auch wieder nicht recht.

Wenn ich will, kann ich nun durch Einwerfen verschiedener Reiz- oder Stichwörter die ganzen alten Geschichten aus ihr herauskitzeln, z. B. wie sie, gerade 18-jährig, mit ihrer Schwester Elsbeth nach Berlin zur Olympiade fuhr, wie sie mehrfach Adolf Hitler in Coburg zujubelte ("Der hat uns alle verhext! Das kannst Du Dir gar nicht vorstellen."), sie 1939 auf der Veste heiratete, die erste und letzte Trauung dort, weil dann der Krieg ausbrach, wie sie, nach den jeweiligen Fronturlauben meinem Opa zwei Söhne gebar und sie bei Fliegeralarm beinahe jede Nacht mit 2 Kindern und dem Koffer mit dem Nötigsten am Arm vom 3. Stock in den Keller rannte. Als ihr Mann dann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, fand er seinen dritten Sohn vor. Danach kam ein Vierter. Dann meine Lieblingstante, ganz spät und ungewollt, da war sie schon 43. Berichtet wird dann weiterhin von der weißen-Mäuse-Zucht auf den Hängeschränken über der Eckbank, die sich wegen Inzucht leider nicht als das erhoffte lukrative Nebeneinkommen erwies, von den legendären Schrebergartenfesten um das heute denkmalgeschützte Gartenhaus, was ihr Großvater Anfang des 20. Jahrhunderts mit eigenen Händen gebaut hatte, davon, wie sie und ihre Tochter mit vereinten Kräften meinem Opa die Autoschlüssel entrissen, der, obwohl er an schlechten Tagen bereits die Kassiererinnen im Supermarkt wahlweise mit "Heil Hitler" oder per Handkuß begrüßte, partout das Steuer nicht aus der Hand geben wollte, überhaupt von ihrer ganzen Plage mit dem verkalkten, der oftmals mehrere Zigaretten an verschiedenen Plätzen brennen hatte und der sich zu guter Letzt selbst in Brand steckte, aber noch rechtzeitig gelöscht werden konnte, der sie keinen Schritt mehr alleine tun ließ, ihr sogar auf das Klo folgte und zum Schluß seine eigenen Kinder nicht mehr erkannte.

Meine Oma ist die Sorte älterer Frau, die man gelegentlich mit einer großen Handtasche am Arm an einem Geldspielautomaten stehend vorfindet, eine Zockerin. Hätte sie Gelegenheit dazu, wäre sie bestimmt spielsüchtig. Sie kompensiert das mit wöchentlichem Lottospiel und zwar schon seit es Lotto überhaupt gibt. Dabei tippt sie immer die Lebensdaten ihrer Kinder und Enkelkinder, schon seit Jahrzehnten. Das verhindert natürlich den Ausstieg, weil sie die Zahlen immer im Kopf hat und sie automatisch vergleicht. Was, wenn dann der 6er käme? Unverzeihlich! Zumindest die Glücksspirale (10.000 Mark, Monat für Monat, Jahr für Jahr oder so ähnlich), konnte ihr meine Tante kürzlich ausreden. Der einfache Satz, daß sie nun schon 84 sei und der Gewinn nicht übertragbar, reichte aus. Das überschüssige Geld wird nun in Witwentrost angelegt.

Obwohl sie sich, wie so viele Menschen, ihre Sichtweise durch das Anschauen realitätsverzerrender Fernsehsendungen und das Lesen der falschen Zeitungen verbiegen läßt, und daher der Meinung ist, daß die Welt, in der wir heute leben eine sehr viel schlechtere als die frühere ist, hat sie mich kürzlich doch mal wieder überrascht. Ich hatte ihr erzählt, daß ich meinen Freund über Computer "im Internet" kennengelernt habe. Statt eines entsetzten Aufschreis, welchen ich schon aus vielen Mündern erheblich Jüngerer vernommen hatte, nahm sie einfach nur meine Hand, drückte sie fest und wünschte uns viel, viel Glück.

Oma mit Urenkel im Jahr 2000

Dienstag, 5. Juni 2007

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Immer noch Bloghemmung.

Unser Freund hat in seinem Testament bestimmt, dass jeder seiner Freunde aus seiner Wohnung nehmen solle, was er möchte. So eine Aufforderung lähmt mich völlig, bzw. es ist sowieso schon klar, dass ich nichts nehmen kann. Dennoch fiel mir gestern Nacht ein, dass es zwischen uns ein Ritual gab. Wenn ich bei ihm zuhause war, trat ich vor sein Bücherregal und holte Gogols "Tote Seelen" hervor. Exakt die gleiche Ausgabe hatte ich nämlich auch besessen, sie war mir aber abhanden gekommen. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass ich die mal meinem Freund geliehen, sie dann aber nicht mehr zurück bekommen hatte. So entstand dann jedesmal spaßeshalber ein kleines Gerangel um dieses Buch, zweiflesfrei eines unserer beider Lieblingsbücher, und ich behauptete, rechtmäßiger Eigentümer zu sein, er aber nur Besitzer dieses Werkes. Das ging dann immer so hin und her, bis ich es augenrollend ins Regal zurückschob.
Vielleicht werde ich mir "mein" Buch nun zurück holen.

Montag, 4. Juni 2007

Herz V

(Die Nacht in Berlin irgendwo in der Anklamer Straße war sehr kurz. Wie immer, wenn ich woanders liegen muss, kann ich erstmal nicht schlafen. Das Prinzessin auf der Erbse Syndrom. Gegen 7 Uhr morgens dämmere ich kurz weg, drei Stunden später sitzen wir schon vor dem "Weltempfänger" und frühstücken. Um uns herum zugereiste Berlinpaare mit gefühlten 347 Kindern. Achja, Mitte. Soll ja jetzt die Gegend in Berlin sein, in der diese zugereisten Berlinpaare ihre Eier legen. Wie immer kann ich mit dieser Stadt nichts anfangen. Zu laut, zu schnell, zu alles, was meinem Nervenkostüm auf Dauer nur Schaden zufügen würde. Dass man mit dieser Stadt nichts anfangen kann, darf man aber vor diesen, aus der Provinz angereisten Menschen, keinesfalls erwähnen. Außer man möchte mitleidig belächelt werden, dann natürlich schon. Schon am Abend zuvor, als wir in einem Hinterhof in der Schönhauser Allee bei einem meiner zahlreichen provinzflüchtigen Bekannten um ein Lagerfeuer saßen, durfte ich mir wieder anhören, wie toll und multikulti das hier alles sei und dass man sich ja keinesfalls ein Leben ohne dieses Berlin mehr vorstellen möchte. Im Laufe des Abends dann aber dennoch Bedenken seitens der bekinderten Fraktion. Jaaa, es gebe ja schon hübsche, auch durchaus sehr preiswerte Anwesen im Berliner Umland, aber die Glatzen da! Jaja, schlimm, das. Und dann, in welche Schule wird man sein Kind in 5 Jahren wohl noch schicken können? Alles recht brennende Fragen. Multikulti scheint ja wunderbar, solange die eigenen Kinder nicht damit die Schulbank drücken müssen, so lerne ich an diesem Abend.)

Am Sonntag um die Mittagszeit laufen wir also wieder durch den Park der Virchow Kliniken zur Intensivstation. Die Choreogaphie mit den Kitteln in der Schleuse ist uns nun bekannt, wir stehen bereit, als uns eine Pflegerin abholt. Bevor wir ins Zimmer dürfen, klärt sie uns auf, wie schlecht es um unseren Freund steht. Immer wieder sind wir verwundert über die Offenheit des Personals, denn immerhin sind wir ja keine direkten Verwandten. Seit der Transplantation mache Herr K. einen Schritt vor und 2 zurück. Auf was das hinauslaufe wisse man ja - es gäbe faktisch nur Rückschritte. Gerade heute ginge es ihm besonders schlecht, er sei überhaupt nicht ansprechbar. Als wir dann neben seinem Bett stehen sehen wir was sie meinte. Wo gestern noch deutliche Anzeichen von Leben war, scheint heute alles Lebendige von ihm gewichen. Sein Gesicht ist wächsern und im oberen Drittel gelblich, die Nase spitz, nach unten zu verläuft die Hautfarbe in ein bläuliches Rot. Hier liegt keiner mehr, der auch noch im Entferntesten beseelt scheint, hier liegt die Hülle unseres Freundes, dessen Seele sich irgendwann in den Stunden zuvor von seinem Leib getrennt hatte, und obwohl die Maschinen sämtliche Körperfunktionen aufrecht erhielten, spürten wir deutlich, dass wir unseren Freund gestern zum letzten Mal lebend gesehen hatten. Ganze fünf Tage nach unserer Abreise hielten die Ärzte diesen Zustand noch aufrecht. Dann gaben sie dem steten Drängen der Eltern nach und schalteten die Maschinen ab.

Sonntag, 3. Juni 2007

Herz IV

Nach zwei Stunden am Intensivbett sind wir am Ende. Die Arme unseres Freundes sind durch das melken nur unmerklich dünner geworden und jetzt, da wir sie los gelassen haben, werden sie sich sehr bald wieder mit Wasser füllen. Zwischenzeitlich kam mal eine Ärztin herein. Bemerkenswert die Tatsache, dass sie weder an sein Bett herantrat noch irgendwie sonst in Kontakt mit unserem Freund kam. Nicht einmal einen Blick hat sie auf ihn geworfen, ich schwöre. Als wären wir nicht da, trat sie sofort in einen Dialog mit dem Pfleger, aus dem hervor ging, dass sie mit der Medikamentierung des Herrn K. nicht einverstanden sei. Von diesem Mittel brauche er mehr, jene Dosis müsse ebenfalls erhöht werden. Ihr genügte dabei ein Blick auf den Monitor, um mit geschultem Auge herauszufinden, dass der Arzt aus der Schicht vorher ihre Therapie scheinbar geändert hatte. Dem Einwand des Pflegers, Herr K. wäre mit der Dosis an blutdruckhebenden Medikamenten schon längst an die Grenze des Aushaltbaren gekommen, wurde lapidar entgegen gehalten: "Dann müssen wir halt wieder mehr sedieren." Schon war sie auch wieder weg. Während der Pfleger die Anweisungen der Ärztin umsetzt, müssen wir uns anhören, was er im Grunde von dem ganzen Laden hier hält. Kein Blatt nimmt er sich vor den Mund und meine Freundin und ich sind bass erstaunt, was dieser Mensch alles so von sich gibt. Erstaunlich auch sein Statement, dass hier jeder Arzt sich mit einer anderen Therapie am Patienten profilieren möchte. So komme es immer wieder vor, dass ein Patient jeden Tag eine andere, manchmal völlig gegensätzliche Medikamentierung bekomme. Gut sei das ja wohl nicht, oder? So und noch anders spricht er, lässt eine Menge Frust ab, uns sprachlos zurück und wir unseren Freund. Am nächsten Tag werden wir noch einmal kommen, bevor wir wieder zurück nach B. fahren, das sagen wir ihm noch zum Abschied.

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