in einer widerlichen starre verharren. glotzen glotzen glotzen.
einen alten, halb gestrickten pullover wieder auftrennen. mehr geht nicht, momentan.
Frau Rossi - 9. Aug, 00:06
Angeregt durch
Frau Sopran
habe ich mich daran erinnert, wie ich früher immer wieder versuchte, mich mit dem Sporttreiben anzufreunden, jedoch jedesmal auf unterstem Niveau scheiterte. Aber es gibt ein Happy End, lest selbst:
Als Kind war ich das, was wohl die meisten Mädchen waren: eine Pferdenärrin. In unserer Nachbarschaft gab es eine Koppel, auf der weideten Ponys. Der Besitzer war froh, dass wir uns kümmerten, bedingungslos. Wir hatten quasi freie Hand und trugen unser ganzes Taschengeld zu "Reitsport Scheidt", investierten in Hufkratzer, Kardätschen, Huffett und allem, was unser Budget nicht sprengte. Das Reiten ohne Sattel brachten wir uns selbst bei und pflegten somit einen wilden, den Tieren wohl nicht immer gerecht werdenden Stil. Die wiederum rächten sich durch unberechenbare Manöver im Gelände, z. B. abrupte Richtungswechsel nach rechts oder links aus dem gestreckten Galopp heraus oder sie stoppten einfach ab, um ein paar
imaginäre saftige Büschel Gras zu rupfen, während wir, den Gesetzen der Physik folgend, über ihre gesenkten Köpfe segelten. Ich erinnere mich an zahlreiche Stürze, mit und ohne Pony, ein Wunder, dass nie jemand ernsthaft Schaden nahm. Die dadurch entwickelte Geschicklichkeit kam mir später entgegen, als ich endlich in den Reitverein durfte. Vom Pferd fiel ich die ganzen Jahre jedenfalls nicht mehr, dafür haftete mir permanenter Stallgeruch an. Mit ca. 14 verlor ich, wie die meisten dieser Mädchen, plötzlich das Interesse, riss zuhause die Pferdeposter und Postkarten von meinen Wänden, fing an mich zu duschen und nach Patchouli zu riechen. Zwischen meinen Beinen jetzt der Sattel meines frisierten Mofas bzw. die Sitzbänke der frisierten Mopeds meiner Jugendfreunde. Sport, falls man Reiten überhaupt als das bezeichnen kann (Reiter behaupten das zwar, dennoch hege ich so meine Zweifel), trieb ich von nun an jedenfalls keinen mehr. Selbst zu den allerkürzesten Spaziergängen war ich nicht zu bewegen, und wenn doch, maulte ich permanent rum, sodass man mich künftig lieber zuhause ließ. Selbstverständlich bewegte ich mich nie mehr als gerade nötig, deshalb sind diese Jahre im Register unter "Statische Phase" abgelegt.
Später hatte Sport, bzw. der Sportversuch, viel mit den Freunden zu tun, mit denen ich gerade Kontakt hatte. So probierte ich es erfolglos mit Squash (Oli), Karate (beim Postsportverein), Klettern (mit Matze), Tennis (bei Kyaw Kyaw in Rangoon), Body Building (Oli), Jazz Dance (bei Mausi). Keine dieser Phasen dauerte jemals länger als ein halbes Jahr, geklettert bin ich gar nur zweimal, bis ich merkte, dass ich eigentlich nicht schwindelfrei bin (musste dann wegen Schreckstarre 5 Meter vor dem Gipfel abgeseilt werden).
Auf diese Phase der "Unsteten Suche" folgten die "Jahre der Resignation", in denen ich meine Zwangsneurosen hätschelte und litt. Ich war damals so unfit, dass mir mein Arzt während einem meiner zahlreichen EKGs ans stolpernde Herz legte, ich MÜSSE mich meiner Leistungsfähigkeit und meinem Alter entsprechend einfach mehr bewegen, sonst sehe das auf Dauer nicht gut aus. Jede 60-Jährige hätte mich damals auf dem Fahrrad wohl locker abgehängt. Muss ich eigentlich extra erwähnen, dass ich damals rauchte wie ein Schlot? Die einzige Art der Bewegung, die mir zu dieser Zeit immer und ohne Mühen gelang, war das Tanzen. Tanzen konnte ich heftig und stundenlang, ohne Pause. Ich tanzte sogar dann noch, wenn sich alle Anderen aus Erschöpfungsgründen schon längst verabschiedet hatten ("Wo nimmst du nur diese Energie her?").
Am Tag nach meinem 35. Geburtstag setzte die "Phase des Umdenkens" ein und ich hörte mit dem Rauchen auf. Von heute auf morgen, wie es immer so schön heißt. Um mir den Abschied von der Zigarette zu erleichtern, glaubte ich, mit dem Joggen anfangen zu müssen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich freiwillig wirklich gequält, weil ich dachte, das sei "gut für mich". Einige berichteten mir von drogenrauschähnlichen Hochgefühlen und Andere sprachen von Endorphinen und tranceähnlichen Zuständen beim Laufen. Soweit bin ich nie gekommen. Im Gegenteil: ich hatte immer das Gefühl, bei jedem Schritt kleiner zu werden und am Ende war ich jedes Mal völlig niedergeschlagen und fertig. Nach einem dreiviertel Jahr gab ich es endlich auf unmotiviert im Wald rumzuhoppeln. Eine kluge Entscheidung, wie ich meine, denn sicher hätte ich irgendwann einmal wieder mit dem Rauchen angefangen und sei es nur zu dem Zweck, meine negativen Gefühle nach den Joggen zu kompensieren.
Irgendwie begegnete ich damals dem Tango. Sofort fühlte ich mich zu der schwermütigen Musik hingezogen und meine Hypophyse, die faule Schlampe, begann unmittelbar und ohne zu Murren mit ihrer Arbeit und produzierte Endorphine an der Zahl. Bis heute gelingt es mir, durch das Tangotanzen Momente zu spüren, in denen sich alles in mir und um mich herum im Einklang befindet und transparent wird. Ewigwährend fühlt sich das an, obwohl es bestimmt nur Sekunden sind, in denen ich alles vergesse und zu schweben beginne. Fünf Jahre mach ich das nun schon, drei davon mit dem Mann. Ein unbeschreibliches Gefühl ist das, wenn wir zwei auf der Tanzfläche zu einer Einheit verschmelzen und diese wundervolle Musik in Bewegung umsetzen. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich etwas wirklich richtig gut, ein für mich bisher nie gekanntes, tolles Gefühl. Ähnlich wohl fühle ich mich nur noch auf dem Fahrrad oder im Bett. Angenehmer Nebeneffekt: durch das permanente Körpermitte- und Achse spüren hat sich meine Haltung sehr verbessert und die Rückenschmerzen sind weg. Um dem noch etwas entgegen zu kommen, hab ich zu Beginn des Jahres angefangen, etwas Pilates zu machen (vhs), gemischt mit Elementen aus dem Hatha-Yoga. Die Tante macht das so gut, dass ich den Folgekurs im Herbst gleich gebucht habe. Durch das ständige "Powerhouse aktivieren" hat sich mein Bäuchlein hübsch gestrafft und auch sonst habe ich nicht den Eindruck, dass sich mein Körper sonderlich gegen diese Art von Gymnastik sträubt. Also bleib ich erstmal dabei und genieße die "Phase der schleichenden Gesundung durch sanfte und mäßige Spaßbewegung".
Frau Rossi - 2. Aug, 12:12
Seit sie Weltkulturerbe wurde, hat sich meine kleine Heimatstadt von einem verschlafenen Nest in ein touristenüberschwemmtes Katastrophengebiet verwandelt. Und das gerade in den Sommermonaten, wo das Leben der Bewohner von drinnen nach draußen verlagert wird, weil diese Stadt wie kaum eine andere für draußen und Sommer gemacht ist.
Was die Horden an Touristen nicht schaffen, vollenden die Event-Faschisten vom ortsansässigen Stadtmarketing. Annähernd jedes Wochenende findet in der Innenstadt etwas statt, wird gelärmt, getönt, gehiphopt, geblasen, gespaßt, gewummert, gefressen, gesoffen, gehockt, geglotzt, geschoben, gehüpft. Dabei sind Sandkirchweih, div. Straßenfeste und andere, jährlich regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen, noch gar nicht mitgerechnet.
Dieser Bespaßungsterror zieht natürlich (und so ist das ja konsumtechnisch auch gewollt) Landvolk an der Zahl in die Stadt, jeder mit dem eigenen Auto, selbstredend. Besonders "Clevere" fordern nun die Schaffung neuer Parkmöglichkeiten in der Innenstadt, damit noch mehr ....
Ach, ich merke gerade, dass ich hier einen Leserbrief formuliere, und wirklich: das wird wohl mal Zeit. Jeder sollte in seinem Leben mal einen Leserbrief geschrieben haben, aber wenn der gedruckt wird (was ich nicht glaube), scheißen mir die Verantwortlichen vom Stadtmarketing höchstwahrscheinlich vor die Tür, oder gar Schlimmeres. Egal. Heute war mal ein guter Samstag, an dem in der Stadtmitte "nur" ein Töpfermarkt statt fand, ohne Tschingdarassa und Bumm. Dafür - und es wäre ja auch all zu schön gewesen, brummt es heute gewaltig von oben, denn es ist HURRA! Flugtag in my hometown, mit Doppeldeckern und allem Pipapo. Erwartet wird unter Anderen eine dicke, fette U, mit der man für 150 Eulen über die Stadt fliegen kann. Ich freu mich schon!
Frau Rossi - 28. Jul, 12:44
Das Kind möchte seine neue Schule sehen, meinte er vorhin zu mir. Da fiel mir erst auf, dass er noch gar nicht weiß, wie die Schule aussieht, in die er nach den Sommerferien gehen wird. Außer ihm gehen noch 5 andere aus seiner Klasse dorthin. Das sind doch mehr als ich dachte - eigentlich glaubte ich immer, meiner sei der einzige. Der Lehrer war sehr froh, dass ich meinen Sohn, der immer nur durchschnittliche Zensuren heimträgt und leidlich bis gar nicht motiviert ist, mehr als das Allernötigste zu tun, nicht durch das Gymnasium treibe. Aber für mich war das von Anfang an gar keine Frage. Wie sinnlos es ist, ein unmotiviertes Kind ins Gymnasium zu schicken, habe ich ja am eigenen Leib erfahren. Wagenladungen an Nachhilfelehrern habe ich verschlissen. Keiner hat es je geschafft, mir den Ablativus Absolutus plausibel zu machen, oder gar y=x2. Und das bei einem IQ von 137. Absolute Leistungsverweigerung. All die Prophezeihungen, dass mir das einmal sehr, sehr leid tun würde, weil ich so nie einen anständigen Beruf würde ergreifen können, prallten damals an mir ab, denn genauso sicher wie ich mir war, nie, ABER AUCH NIEMALS, mit einem Mann zu schlafen, so sicher war ich mir auch, dass ich NIEMALS 30 werden würde. Ich hatte damals nicht die leiseste Ahnung davon, wie sich das vermeiden ließe, denn ein Freitod zuzeiten war ebensowenig geplant wie vorzeitiges Ableben durch einen Unfall oder aber Krankheit, aber soweit dachte ich wohl gar nicht. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen, also würde es auch nicht geschehen. So muss das wohl gewesen sein. Leider kann ich mich nicht mehr an den Moment erinnern, an dem ich mir eingestehen musste, dass es mit dem "einfach nicht 30 werden", wohl doch nicht so ganz hinhauen würde. Schade, dass ich damals mein Gesicht nicht gesehen habe.
So, und jetzt gehen wir Schule kucken.
Frau Rossi - 22. Jul, 16:34
Heute Schulfest mit Verabschiedung der Viertklässler. Die ehrgeizige Lehrerin aus der Paralellklasse musste sich wie immer profilieren und hat mal wieder die Kinder vorgeführt. Sie hat uns Kinder präsentiert, wie SIE sich Kinder wünscht: artig, sozial, angepasst, kontrollierbar. Zum Gähnen dieses betuliche Getue. Gut, dass ich am Lästertisch saß, das machte es einigermaßen erträglich. Gut auch, dass meinem Sohn diese Art Lehrerin erspart blieb. So hatte er es in den letzten zwei Jahren mit einem Herrn B. zu tun, der zwar oft genug ratlos, dennoch einigermaßen verständig und gerecht war. Bei der Aufführung der 4b durfte Quentin Quirlinger auf einem Stuhl seine vielfältigen Sitztechniken vorführen, mit denen er im Lauf des Schuljahres Furore machte und mit Hilfe derer Rückenschäden (verursacht durch permanentes Stillsitzen) vermieden wurden. Zum Schluss kippte er gar mit dem Stuhl hintenüber. Grandios!
Frau Rossi - 21. Jul, 20:16
Leute fragen mich oft, wie ich das "schaffe", so ohne Handy. Ich kann schon die Frage nicht verstehen, die es noch vor ein paar Jahren gar nicht gab. "Es ohne Handy schaffen", sehr komisch, das. Das impliziert für mich, dass eine Existenz vor dem Handy extrem schwierig gewesen sein muss - beklagt hat sich damals aber keiner, dass man nicht immer und überall telefonieren kann. Es kam auch Niemand auf die Idee. Wer quasseln wollte, ging unter die Leute oder kaufte sich ein Haustier/CB-Funkgerät. Aber meine Sicht ist natürlich wie immer sehr subjektiv und einseitig, denn ich kann mit Telefonen eh nicht. Wer einen Anruf von mir bekommt, wird mit Organisatorischem belangt. Befindlichkeitsgespräche, einfach nur so, dafür bin ich nicht gebaut, das geht bei mir nur Aug' um Aug'.
Zum Beispiel Freundin S. Seit Wochen möchte ich mal bei ihr anrufen, um mit ihr einen Zeitpunkt auszumachen, an dem wir sie besuchen können. Eigentlich keine große Sache. Bei mir dauert sowas höchstens 2 Minuten. Nicht so bei S. Irgendwie schafft sie es immer, einen Bogen von der Terminabsprache zum Befindlichkeitsgespräch zu schlagen, was nichts anderes heißt, als mindestens 2 Stunden am Telefon festgehalten zu werden und ihr dabei zuzuhören, wie sie ihre zwei kleinen Kinder in Schach hält, die natürlich längst erkannt haben, dass der Zeitpunkt, an dem ihre Mutter am Telefon klebt, der günstigste ist, in der Küche die Nougatbits zu mopsen oder die Balkonbrüstung zu besteigen. Auf den eigentlichen Besuch bei S. kann man dann letztendlich verzichten, da ja bereits alles "besprochen" ist. So schieb ich das also vor mich hin und wahrscheinlich wird diesen Sommer wieder nichts draus. Außerdem ist bei ihr eh ständig besetzt.
Ich gebe zu, dass ich zu der Fraktion gehöre, die, sofern angerufen, erst in sich hinein horcht, ob Kommunikation im Moment überhaupt möglich ist. Wenn nicht, dann erledigt das synthetische Stimmmodul meinen Job - besser als ich es könnte. Leute, die mich gut kennen, wissen, dass sie jetzt nur ihr Sprüchlein aufsagen müssen, damit ich sie innert kurzer Zeit zurückrufe - sofern Wichtiges anliegen sollte. Was wichtig ist, entscheide selbstverständlich ich - la Téléphone c'est moi! Wer ein derart egomanisches Telefonverhalten an den Tag legt, der wird natürlich kaum angerufen. Gott sei Dank.
"Aber wenn mal was mit deinem Kind ist?" muss ich mich dann und wann fragen lassen, mit diesem Unterton in der Stimme, der mir suggeriert, dass ich wohl eine rechte Rabenmutter sein muss, die nicht jede Sekunde des Tages für die Belange und Nöte ihres Kindes ein Ohr hat. Betont harsch dann meine Antwort, die in die gnadenlos verallgemeindernde Richtung geht: "Früher gings ja auch ohne". Sind wir etwa gestorben, nur weil unsere Eltern nicht ständig für uns erreichbar waren? Oder hatten wir nicht einfach nur Glück? Glück, dass wir nicht ständig kontrolliert und instruiert wurden, dass wir noch die Möglichkeit hatten, auch mal selbst eine Entscheidung zu treffen, zu improvisieren, ohne dass die Eltern vorher ihren Senf dazu gaben? "Ja Früher", wird mir dann, ebenso gnadenlos verallgemeinernd, entgegnet, "da war ja auch Alles noch nicht so schlimm". "Und in so eine schlimme Welt setzt ihr Kinder?" provoziere ich. "Was seid ihr nur für Rabeneltern!"
Frau Rossi - 12. Jul, 09:35
Ich hatte einmal eine Krankheit, die sich gut eignet, sie seinem ärgsten Feind an den Hals, respektive Arsch, zu wünschen. Von der werde ich jetzt berichten.
Die manchmal schwellende, stets nach ein paar Tagen wieder schrumpfende Beule an meinem Steißbein war mir seit Jahren wohl bekannt. Je nach Größe verursachte sie mehr oder weniger Schmerzen, behinderte beim Sitzen und wenn es arg kam, auch schon mal beim Laufen. Natürlich gehe ich bei so was zum Arzt, der mich mit der Diagnose "Zyste- kommt und geht wie Ebbe und Flut, eigentlich ungefährlich und nicht zu operieren" und einer Salbe wieder heimschickte. Wie gesagt, ich hatte das ja nicht ständig, aber so 2-3 mal im Jahr wurde es akut.
Es war 1999 im Spätsommer, als dieses Ding wieder zu schwellen anfing, diesmal aber nicht nach ein paar Tagen wieder zurück ging, sondern immer weiter wucherte, bis es mir nicht mal mehr möglich war, eine Hose anzuziehen. Anderer Arzt, andere Diagnose. Logisch. Dieser nun meinte, es handle sich um eine "Sakralfistel" (mein persönliches Unwort des Jahres '99), die man auf JEDEN FALL operieren müsse, und zwar pronto. Beim Hinausgehen wünschte er mir noch "viel Glück". Dass ich das nötig haben würde, wusste ich in dem Moment noch nicht. Ich stellte mir nämlich vor, dass das Ganze mit einem kleinen Schnitt erledigt sein würde. Ritz-Spritz-fertig!
Der Arzt im Krankenhaus ließ diese Hoffnung platzen in der Art, wie ich mir wünschte, dass er meine Fistel platzen lassen würde. Er sprach von einem Binodialabszess (dt. Steißbeinabszess) enormen Ausmaßes, den man "weitläufig" herausschneiden müsse, was einen mehrmonatigen Wundheilungsprozess nach sich ziehe, weil die Wunde "von innen" heilen müsse. Nähen sei da nicht möglich, ob ich denn hoffentlich einen Arbeitgeber hätte, der für mehrere Wochen auf mich verzichten könne, usw. usf. Die Skizze, die er verfertigte, um mir, die wohl mit einem "daskanndochallesnichtwahrsein"- Gesichtsausdruck da saß, zu verdeutlichen, wie er zu schneiden gedenke, verschwamm schon vor meinen Augen, da mir (bei so etwas bin ich nicht sehr tapfer) bereits die Tränen herunter liefen.
Es dauerte ca. 2 Stunden, bis ich mich in mein Schicksal gefügt hatte. Dazwischen erwog ich ernsthaft die Flucht (Vogel Strauß Taktik), das Konsultieren eines Zweit- und ggfs. eines Drittarztes, oder den Besuch beim Heilpraktiker (weil die nie schneiden). Alleine dem optimistischen Zureden meiner Mutter (die die Fähigkeit hat, an Scheiße noch Gold zu finden) war es zu verdanken, dass ich mich zur OP entschloss. Diese und auch der 5-tägige Aufenthalt im Krankenhaus sollen nicht das Thema sein, sondern der Heilungsprozess danach und die damit verbundenen Schmerzen, auf die ich in keiner Weise vorbereitet war. Die setzten nämlich exakt an dem Tag ein, an dem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, mit der Aufforderung, ab sofort bei meinem Hausarzt vorstellig zu werden.
Man muss sich die Wunde als ein mehrere Zentimeter tiefes und entsprechend klaffendes Loch vorstellen. Um den Steißbeinknochen herum wurde "großzügig ausgeschnitten", er schimmerte dem Betrachter nun weißlich entgegen. Schon im Krankenhaus hatte ich, auf einer Art gekacheltem Thron, dreimal täglich Kamillensitzbadsitzungen abzuhalten (für zuhause gab es dann einen schönen Plastikeinsatz für die Toilette). Dieser Anblick inspirierte meinen damaligen Freund angeblich zu seinem Bild "Wellness mit Mombretzie", was schon auf ein paar Ausstellungen zu sehen war. Dieser Freund war es auch, der bei meiner Krankenkasse als Haushaltshilfe angegeben wurde, da ich die darauffolgenden zwei Wochen nicht mehr in der Lage war, alleine den Weg auf´s Klo zu schaffen. Jemand, der schon einmal mit dem Steißbein auf eine Kante oder einen Stein gefallen ist, weiß im Ansatz, welche Pein ich durchlitt, nur eben, dass der Schmerz nicht etwa nachließ, sondern durch jede auch noch so minimale Bewegung (ein Hüsterchen z. B.) jäh aufbrandete. Mein Hausarzt verordnete mir Paracetamol 1000 mg, von denen ich 8 Stück täglich nehmen musste, gekoppelt mit morphinhaltigen Tropfen, die mir Nachts zwar die Schmerzen nahmen, mich aber am Einschlafen hinderten, da ich das Gefühl hatte, jeden Moment eine Atemlähmung zu bekommen und die meinen Kreislauf derart schwächten, dass mir beim Aufstehen immer wieder schwarz vor Augen wurde. Die Nebenwirkungen waren derart stark, dass mir der Arzt abriet, diese noch weiter zu nehmen.
Ich war nun alle zwei Tage gezwungen die Praxis aufzusuchen und mir von einer Arzthelferin die mit Betaisodonna getränkten Mullbindenfetzen entfernen zu lassen, welche sie mir beim letzten Mal in die Wunde gedrückt hatte. Das mit den Mullbinden habe ich ziemlich schnell unterbunden, ich mußte auch nicht groß diskutieren, mein Anblick sprach wohl für sich ("Aber bitte machen Sie auch schön Ihre Kamillebäder, ja!?"). Das Ganze schien ein nicht gerade alltäglicher Fall gewesen zu sein, denn einmal holte mein Arzt seinen Kompagnon herbei und ich konnte durch die halb geöffnete Tür hören wie er gedämpft sagte: "Karl, komm mal, Du wolltest DAS doch auch mal sehen!" Eben dieser Karl stand dann fassungslos über meinen Hintern gebeugt und sog geräuschvoll die Luft zwischen seinen Zähnen ein. So was baut natürlich ungemein auf. Wenig tröstend auch seine Bemerkung, dass solche Verletzungen in der Schmerzhitparade einen vorderen Rang belegten, schlimmer sei angeblich nur noch das Geburtsweh und der Vernichtungsschmerz bei Herzinfarkt. Es liefen halt an dieser Stelle verdammt viele Nerven zusammen (Rückgrat), und das neu entstandene Gewebe müsse wieder mit neuen Nervenbahnen versehen werden, die nun ständig Signale abfeuerten, zur Übung, quasi.
Nach ca. 4 Wochen hörte der Dauerschmerz auf und nur noch bestimmte Bewegungen taten weh. nach 6 Wochen fand ich den Mut, mir mit Hilfe eines "Rückspiegels" den Schlamassel mal anzuschauen, wobei ich eitel rief: "Mein schöner Hintern! Igitt!" Nach 3 Monaten war ich die meiste Zeit schmerzfrei, die Wundhöhle nur noch ca. 2 Euro Stück groß. Nach 6 Monaten hätte man noch schön eine Erbse darin verstecken können, nach einem dreiviertel Jahr war es dann geschafft, das Gewebe war komplett vernarbt. Der Geruch der Kamille, seit jeher negativ besetzt (Zwieback, Eimer neben dem Bett) ist mir nun vollends unerträglich geworden. Geblieben ist die Angst, dass so was wieder einmal kommen kann, angeblich gar nicht so unwahrscheinlich.
Frau Rossi - 11. Jul, 15:30
Ich weiß ja, es ist sinnlos, die Vorstellung weiter zu verfolgen, was aus mir geworden wäre, hätte das große Trauma meiner Kindheit nie statt gefunden. Im Grunde ist es auch unwichtig, denn es reicht mir im Prinzip zu wissen, was aus meinem Leben und meinen Beziehungen NICHT geworden ist, weil es statt gefunden hat.
In der Tat, ich habe so lange gebraucht, und alt musste ich werden, mitnichten erwachsen, aber alt, und im Grunde verdanke ich es der Geburt meines Sohnes, dass ich endlich dahinter gekommen bin, was da mit mir passiert und vor allem: warum. Warum ich mich tief im Herzen ungewollt fühle, hässlich und nicht liebenswert. Woher die Eifersucht kommt, die mich aufzehrt, die ewige Verlustangst, das Gefühl der Minderwertigkeit und dieses mich nicht annehmen können so wie ich bin, eins und froh werden mit mir, es gut finden, dass ich da bin und einfach nur leben darf. Habe ich einen Mann, dann lass ich mich nicht wirklich ein. Lass ich es aber doch zu, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Je mehr ich mich einlasse, desto schlimmer. Wo Vertrauen sein sollte, ist Misstrauen und die ewige Angst, von ihm wieder verlassen zu werden. Man könnte sagen, der Grundtenor meines Lebens ist das tiefe Gefühl eines argen Verlustes, eines Schmerzes, der nie wirklich aufhört, weil die Ursache tief in mir drin sitzt und ich nicht hinreiche. Es ist einfach zu lange her und ich war ein Kind. Ein Kind das nachts weinte und immer alleine war. In der Zeit, in der sich mein Urvertrauen hätte bilden sollen, was es mir später ermöglicht hätte loszulassen und eine gesunde Persönlichkeit zu entwickeln, wurde ich von meinen Eltern (hauptsächlich kreide ich es meiner Mutter an, mein Vater war eh unfähig) schreiend in meinem Bett alleine gelassen, Nacht für Nacht, Jahre lang. Manchmal hatte ich "Glück", dann hörte man mich und versuchte mich zu beruhigen. Meistens jedoch schrie und weinte ich ins Leere. Ich wusste lange nicht, dass das eine Traumatisierung bedeutet. Mein Therapeut hat es mir gesagt, geahnt hatte ich es jedoch bereits, dass meine Probleme, "normal" durch das Leben zu kommen, irgendwie damit zu tun haben müssen.
Intuitiv habe ich das mit meinem Sohn nie gemacht, wenngleich mir das ja selbst widerfahren war, habe ich das Trauma nicht fort gesetzt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, ihn nachts alleine zu lassen oder auf sein Weinen nicht zu reagieren. Aber gefragt habe ich mich natürlich, als er da nachts weinte. Plötzlich kamen die Fragen auf. Was war eigentlich, als DU früher nachts weintest? War da jemand da? Und als hätte man einen Vorhang beiseite geschoben, öffnete sich mir der Blick auf die Zeit, in der ich 3, 4 Jahre alt war und wir noch in Coburg wohnten. Plötzlich wurde alles wieder überdeutlich, konnte ich mich genau an das Gefühl erinnern, was es für mich bedeutete, wenn es Nacht wurde und ich im Bett lag. In diesem roten Eisenbett mit den geschwungenen Stäben und den Engelsköpfen und weinte, weil ich Angst hatte.
Dadurch wurde ich zum "schwierigen" Kind. Hab an der Mutter geklammert wo es nur ging. Klar - wenn sie mal da war, wollte ich sie behalten, denn sie konnte ja jederzeit wieder verschwinden. Wann und ob sie dann wieder kommen würde, war immer unklar. Rational betrachtet Quatsch, natürlich hat sie mich nie wirklich verlassen, aber Kinder, die ein sicheres Urvertrauen entwickeln konnten, wissen das intuitiv und klammern auch nicht, denn sie haben ja früh die Erfahrung gemacht, dass die Mutter immer kommt, wenn sie gebraucht wird. In dieser kurzen Zeit, in der es "Mutter satt" hätte geben sollen, war Mutter Mangelware.
Der Unterschied zwischen mir und meinem Sohn wurde mir drastisch bewusst, als ich einmal mit dem Zug nach Berlin fuhr, für ein paar Tage. Mein Sohn war damals vier und stand mit meiner Mutter am Bahnsteig, um mich zu verabschieden. Wir winkten uns durch das Zugfenster zu und mein Sohn war in aufrichtiger Freude, dass seine Mama ICE fahren darf. Keine Tränen, kein Geschrei oder sonstiges. Ich an seiner Stelle hätte damals meine Mutter niemals alleine fort gelassen, hätte mich notfalls an ihr Bein geklammert und wäre nicht mehr zu beruhigen gewesen.
Selbstvertrauen in mich und meine Handlungen hatte ich sowieso nicht und ich war sehr ängstlich im Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen. Versagte unnötiger Weise in der Schule, blieb bis heute weit unter meinen Möglichkeiten und hatte immer diese Angst im Dunklen. Dunkelheit war für mich höchste Qual. Noch als Teenager musste ich mir zum Einschlafen die Decke über den Kopf ziehen, damit ich mich von der Dunkelheit von außen abkoppeln konnte. Am schlimmsten war der Weg vom Lichtschalter zu meinem Bett, den ich fast in einem Satz nahm, nur um mir schnell die Decke über den Kopf ziehen zu können, um die Dunkelheit nicht sehen zu müssen. Paradox, aber erst unter der noch dunkleren Decke fühlte ich mich geborgen. Als ich älter wurde und mit 19 zuhause auszog, musste ich Menschen um mich haben, damit ich nachts nicht alleine war. Ich weiß nicht, wie viele sinnlose Beziehungen ich angefangen und nach 3 Monaten wieder beendet habe, nur um nachts nicht alleine einschlafen zu müssen. Oft konnte ich das sowieso erst, wenn draußen schon der Morgen graute.
Mit 28 kamen die ersten Panikattacken. Damals war das noch völlig neu, da wusste kaum einer, was Hyperventillieren bedeutet. 10 Jahre später in jeder Frauenzeitschrift Beschreibungen des Paniksyndroms von vorn bis hinten. Es folgten Zeiten, da konnte ich das Haus nicht mehr verlassen, weil ich das Gefühl hatte, die Hauswände stürzen auf mich ein. Stand ich an der Kasse längere Zeit an oder auf der Autobahn im Stau, glaubte ich, gleich ohnmächtig zu werden. War ständig auf der Flucht, ruhelos. Heute seh ich manchmal Leute, die auch sowas haben. Ungeduldig stehen sie an der Kasse, treten von einem Bein auf das andere, fummeln an sich herum. Weil die Alte am Anfang der Schlange das Kleingeld nicht findet, tritt ihnen der Schweiß auf die Stirn. Immer wieder nehmen sie den Geldbeutel, suchen in ihren Taschen, schnaufen und sind kurz vor dem Kollaps. Damals war ich eine von ihnen und hatte etliche Tricks auf Lager, damit Freunde/Hausmitbewohner Sachen für mich einkauften, entwickelte Vermeidungsstrategien an der Zahl. Einmal wurde ich mit dem Krankenwagen aus der Stadt geholt, Puls kurz vor 200, Blutdruck dem entsprechend. "Hatten Sie viel Stress in letzter Zeit?" wurde ich vom Notarzt gefragt. Hm, was sollte ich darauf sagen. Eigentlich nicht. Dass der Stress viel tiefer saß, seine Wurzeln in meiner Kindheit hatte und von mir "sorgsam" bis in die Jetztzeit konserviert und transportiert wurde, wusste ich damals noch nicht.
Gleichzeitig zu den Panikattacken entwickelte sich meine Herzphobie. Herzrhythmusstörungen. Galoppierende, flatternde, stolpernde Kobolde da links innen. Was sollte ich machen? Bin zu diversen Ärzten, 24-Stunden EKG mehrfach, Schilddrüse, Ultraschall, alles im grünen Bereich und damit faktisch gesund. Trotzdem: immer wieder Herzflattern. Zweimal musste ich deswegen noch den Notarzt rufen, weil ich ernsthaft dachte, es ginge zu Ende. Valium hieß damals mein Rettungsanker.
Erst als mein Sohn zur Welt kam, wurde das etwas besser, denn ich schöpfte ja Verdacht. Hatte die Kraft, zu einem Therapeuten zu gehen und ihm von meinem Verdacht zu erzählen. Er bestätigte den Verdacht und meinte nur, es wundere ihn, dass unter diesen Umständen nicht noch viel schlimmere Dinge mit mir passiert seien. Von Drogenmissbrauch und Selbsverletzungen war unter anderem die Rede. Ich sei wohl sehr stark, hätte diese Stärke sehr früh lernen müssen, was es ihm auf der anderen Seite überhaupt nicht leicht machte, an mich heranzukommen. Er hat es bis heute nicht geschafft, weil ich es nicht zugelassen habe, aus Angst vor Kontrollverlust. Aber er hat mir trotzdem sehr geholfen, denn er ist Psychosomatiker, aus der klinischen Praxis mit sehr ergebnisorientierten Therapieansätzen. Keine Ahnung, wie er das damals machte, aber ich hatte nur 9 Stunden bei ihm, in denen er mir einmal eine Tiefenentspannung verpasste, wie ich sie noch nie vorher empfunden hatte, ein anderes Mal den Tipp gab, einmal Anderssens Märchen vom "hässlichen Entlein" zu lesen (was mich stundenlang hat heulen lassen und zwei, drei Türchen in mir öffnete) und mir schließlich eine Passage aus einem medizinischen Werk seines Kollegen vorlas, in der es über Herzensängste ging. Keine Ahnung mehr, was da eigentlich drin stand. Aber seither habe ich keine Rhythmusstörungen mehr, bzw. keine Angst mehr davor und somit wurden sie kleiner und verschwanden beinahe vollständig. Was zählt ist dieser Erfolg, denn seither lebe ich wieder. Was bleibt, ist die ewige Angst, verlassen zu werden und nicht gut genug zu sein. Aber dazu hätte ich ihn an mich "rankommen" lassen müssen und das habe ich mich bisher noch nicht getraut, denn das hieße auch, dass ich das große Trauma noch einmal durchleben und in meine Persönlichkeit integrieren müsste. Das innere Kind heilen, so sagt man wohl. ich hoffe, dass ich das irgenwann einmal schaffen kann.
Frau Rossi - 4. Jul, 08:52